Den Gast geniessen

Mein aktueller Blog zum Thema Gastfreundschaft In einem irischen Gedicht mit dem sprechenden Titel „Gastfreundschaft“ wird noch mehr getan, als die Pflicht gebietet: Gastfreundschaft Ich traf gestern einen Fremden, setzte ihm Essen vor, füllte den Becher, spielte Musik für sein Ohr. Und der Fremde, im Namen Gottes, der der Dreieinige ist, gab meinem Haus seinen Segen, meinen Lieben und auch meinem Vieh. Und über dem Dach die Lerche, sie jubelt: Oft und oft und oft geht in der Bitte des Fremden Christus durch unseren Ort. Essen und Trank, das kann man einsehen, das sind die ursprünglichen Bedürfnisse des Fremden. Doch dann kommt das Überraschende: „Ich spielte Musik für sein Ohr.“ Hier beginnt die Pflicht zur Lust zu werden, aus der Notwendigkeit wird die gemeinsam geteilte Freude. Ich stelle mir vor, wie der Gastgeber zur Gitarre greift und dem Fremden eine lustige Melodie vorspielt, um ihn aufzuheitern – bald schon aber greift auch der Fremde in seine abgetragene Jacke und bringt eine Blechflöte zum Vorschein, der er die hellsten und silbrigsten Töne entlockt. Die beiden – Gastgeber und Gast – beginnen, Gefallen aneinander und miteinander zu finden, und so spielen sie bis in die Nacht hinein: Eine Melodie jagt die andere, eine Ballade eröffnet den Raum zur nächsten und die durch Gesang und Spiel in Anspruch genommenen Kehlen bleiben fürwahr nicht trocken! Zugegeben: eine ideale Szene! Die Szenen, die sich gerade in Europa abspielen, sind alles andere als romantisch: Menschen in bitterster Not, traumatisiert von Krieg und Verfolgung, von nackter Überlebensangst und von Terror werden einem unwürdigen Bürokatiespießroutenlauf ausgesetzt. Ihr massenhafter Tod wird billigend in Kauf genommen, weil es europäischen...