4: Gemeinschaft leben statt Egotrip fahren

Der Zukunftsforscher Matthias Horx hat zu Recht in diese Krise hinein gesagt: „Beziehung wird die neue Währung der Zukunft sein.“

Durch die Ausgangsbeschränkungen und das Gebot der Stunde, keinen physischen Kontakt zu haben, wird uns stärker bewusst, was wir in normalen Zeiten ständig als gegeben hingenommen und kaum mehr geschätzt haben: Wir sind Beziehungswesen und wir brauchen einander, um ganz in unsere Kraft hineinzuwachsen.

Doch die verordnete Enthaltsamkeit bietet uns die Chance, im Verzicht auf das Leben in Fülle genau hinzuschauen und dadurch auch unsere Gemeinschaftspraxis zu betrachten und zu überdenken:

Wie gehe ich mit anderen Menschen um? Welchen Stellenwert haben Familienmitglieder und Freunde? Was tue ich selber dafür, dass wir in guter Verbundenheit leben? Und auch: Welche Kontakte pflege ich nur aus Gewohnheit oder Verpflichtung? Wie viel Kommunikation kann mein Alltag vertragen und was davon tut mir gut? Muss ich auf jede Textnachricht oder WhatsApp gleich reagieren oder überall meine Likes verteilen? Was ist wahre Gemeinschaft, weil durch sie Lebensraum und -qualität eröffnet wird, und was ist schale community, die sich nur aufplustert und selbst inszeniert, aber dabei ganz an der Oberfläche bleibt? Und schließlich, Hand aufs Herz: Welche Menschen sind wirklich Freunde?

Genau die Frage möchte ich heute mit euch bedenken: Wen nenne ich Freund?

Ich neigte selbst dazu, alle möglichen, mir sympathischen Leute in meinen Freundeskreis aufzunehmen, Menschen z.B., mit denen ich beruflich zu tun hatte und mich ein wenig verbunden fühlte. Aber es lohnt sich zu unterscheiden zwischen freundschaftlicher Verbundenheit, netter Bekanntschaft, gemeinsamer Interessenlage und „Sportsfreunden“ und schließlich den wahren Freunden, von denen es im Leben vielleicht nur ein oder zwei Handvoll geben kann.

Wir haben jetzt die Möglichkeit, genau hinzuspüren, Prioritäten neu zu setzen, wirklich Wichtiges von eingebildet Wichtigem zu unterscheiden. Oft sind wir ja im Hamsterrad, weil dir glauben, dass alles gleich wichtig und dringend ist und keinen Aufschub duldet. Wir haben jetzt in der Zeit des Lockdwons erfahren, wieviel doch aufgeschoben oder sogar abgesagt werden konnte – und die Welt dreht sich dennoch weiter.

Darum gibt es eine zentrale Erkenntnis, die uns helfen kann, entspannt und achtsam zu leben. Diese Einsicht klingt erst einmal wie eine Zumutung, aber wenn wir sie meditieren, wiederkäuen, auf uns wirken lassen, werden wir merken, wie viel Freiheit in ihr steckt. Sie heißt: Ich bin nicht so wichtig!

Moment mal, ist nicht das Gegenteil der Fall: Ist nicht jeder von uns eine ganz wundervolle und einzigartige Persönlichkeit? Gibt es nicht Menschen, denen wir unheimlich viel bedeuten? Wie kann das denn dann sein: Ich bin nicht so wichtig?

Wie alle wichtigen Wahrheiten im Leben ist auch diese eine dialektische – das heisst, davon stimmt sowohl das eine als auch das andere, selbst wenn es auf eine vordergründigen Ebene wie ein Widerspruch aussieht. Ja, ich bin wertvoll und unendlich geliebt, das stimmt und sollte unsere Selbstwertgefühl bestimmen. Und eben auch: Ja, ich bin nicht das Zentrum des Universums, die Erde dreht sich auch ohne mich weiter und es hängt nicht alles an mir.

Wenn wir das glauben lernen können, wird sich eine große Entspanntheit und Freude in unserem Leben einstellen. Dann können wir einfach tun was zu tun ist und bleiben lassen, wozu wir uns nur verpflichtet fühlten, weil wir ja angeblich unersetzlich sind. Aber das, was wir dann wohl tun, werden wir aus ganzem Herzen und mit all unserer Freude tun – und wir werden dabei strahlen!

Jesus sagt in der Bergpredigt: Euer Rede sei Ja, Ja, und Nein, Nein. Ersteres praktizieren wir ständig, mit letzterem haben wir echt so unser Problem. Aber beides gehört zum Leben: Mit Freude gestalten und wirken und in Freiheit sein lassen und Raum für andere schaffen.

Wer sowohl seine Kraft und seine Möglichkeiten kennt also auch seine Grenzen und  seine Belastbarkeit, hat schon einmal die beste Voraussetzung geschaffen um gut in Gemeinschaft leben zu können. Für die anderen da sein zu können ohne sich vereinnahmen zu lassen. Mit Freude in Gemeinschaft und auch allein mit sich selbst zu leben. Und in Freiheit und Bewusstsein dieses Leben zu gestalten!

Ich bin nicht so wichtig!

Und: Ich bin unendlich geliebt!

In diesem Spannungsfeld können wir frei atmen und mit Freude leben.

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