„Bittet, so wird euch gegeben“ (Mt 7,7)
Der Gute Gedanke von Andy Lang
Ich war neulich in der Zwickmühle. In der Vorbereitung meiner Pilgerreise nach Irland hatte ich beschlossen, diesmal meine Gitarre nicht mitzunehmen. Natürlich wollte ich mit meinen Pilgern singen, ich wollte auch ein kleines Hauskonzert für sie geben und ich wollte gern offen sein für die ein oder andere Melodie, die mich in Irland vielleicht findet. Schließlich kann ich nach fast 40 Jahren songwriting sagen: Fast 80 % meiner Lieder finde ich – oder sie finden mich – auf der grünen Insel.
Aber diesmal flogen wir mir Ryan Air. Ich hatte zu wenig Vertrauen in diese Billigfluglinie, meine geliebte und wertvolle Gitarre wohl und behalten hin und her zu transportieren. Auch meine zweite Gitarre, liebevoll von meinen Pilgern „Black Beauty genannt“, wollte ich den Mitarbeitenden von Michael O´ Leary nicht aushändigen.
Was also tun? Ich hatte im Vorjahr an dem neuen Zielort in Irland, dem fröhlichen und sehr musikaffinen Dörfchen „Doolin“ direkt bei den Cliffs of Moher, den 200 Metern in den Atlantik hinabstürzenden gewaltigen Klippen, einen netten älteren Pubmusiker kennengelernt und wir hatten Telefonnummern ausgetauscht. Wir hatten sogar festgestellt, dass wir beide die gleiche Gitarre spielen – eine Martin HD 28- und waren uns auf Anhieb sympathisch. Also versuchte ich Jimmy zu erreichen mit der Frage, ob er mir eine andere Gitarre für eine Woche (natürlich gegen Gebühr) ausleihen würde. So rief ich Jimmy an: Anrufbeantworter. Text einsprechen. Keine Antwort. Neuer Anruf. Mailbox. Text einsprechen. Keine Reaktion. Sms. Natürlich: Keine Rückmeldung.. Nach etlichen Versuchen gab ich auf. Scheinbar hatte Jimmy keine Lust darauf oder war mittlerweile verstorben (was sich dann zum Glück als unberechtigte Sorge erwies).
Ich brauchte einen Plan B. Nach einigem Zögern tat ich es: Ich schrieb eine mail an Luka Bloom. Wer nicht weiß, wer das ist, war entweder schon lange nicht mehr bei einem Konzert von mir (oder noch nie), oder hat es vergessen. Um es kurz zu sagen: Luka Bloom ist mein persönlicher Held des irischen Songwritings. Seine Lieder besingen tiefe, geradezu archetypische Wahrheiten und sind dabei schlicht in einem sehr schönen Sinne. Seine Gitarrenarbeit ist legendär. Und er ist ein Star in seinem Genre. 2023 gab Luka ein Konzert in meiner Konzertscheune und das war sicherlich das Highlight eines Vierteljahrhunderts von Konzerten dort.
Konkret schrieb ich Luka: „Ich brauche für eine Woche eine Gitarre für meine Pilgerreise nach Doolin. Kennst du jemanden in der Gegend, der mir ein Instrument ausleihen würde – natürlich gegen Bezahlung?“
Innerhalb von 10 Minuten bekam ich eine Antwort: „Hi Andy, I will loan you a good guitar for your visit, no problem, and no payment.“ Weiter meinte Luka sogar, dass er die Gitarre persönlich vorbeibringt (er wohnt 1 h südlich von Doolin).
Wow! Das hatte ich nicht erwartet, sondern einfach nur einen Kontakt zu einem lokalen Musiker.
Und so kam es: Wir kamen an, Luka kam an, er gab mir die Gitarre und ich strahlte über das ganze Gesicht. Denn es war nicht irgendeine Gitarre, sondern eine sehr, sehr gute seiner vier Gitarren. Er vertraute sie mir einfach an. Aber die Geschichte wird noch besser: Lukas Gitarre klang unglaublich volltönend. Sie spielte sich quasi fast von selbst. Und das Musizieren mit meinen Pilgern machte eine Riesen Freude. Im Laufe der Woche habe ich zwei neue Lieder auf dieser Gitarre komponieren dürfen.
Am Ende unserer Zeit, es war am letzten Abend, kam Luka gegen 21.00 wieder – wir hatten gerade unser Abendessen beendet und wollten den traditionellen „Bunten Abend“ beginnen“ . Wir unterhielten uns ein wenig bei einer Tasse Tee und er erzählte von seinem neusten Lied. Weil ich recht interessiert nachfragte, meinte er plötzlich: „Willst du es hören?“ Ich: „Na klar, wie schön, aber dann sollen es alle hören!“ (innerlich traute ich meinen Ohren nicht)
Also geht Luka in unser Esszimmer, wo noch alle sitzen und gibt uns spontan ein Hauskonzert – und hört gar nicht mehr auf. Nach dem dritten Lied meint er lakonisch, er müsse noch ein wenig weiterspielen, einfach um sicher zu sein, ob dieser Andy Lang wirklich keinen Schaden an seiner Gitarre verursacht habe …
Wir sind uns alle darüber im Klaren, was das für eine Situation ist: Völlig aus heiterem Himmel spielt Luka für 20 Menschen ein Konzert, wo er sonst vor eher 1000 Leuten auftritt. Und fühlt sich sichtlich wohl. Den Nachttisch von Reinhard lobt er in den höchsten Tönen und ich denke, bei ihm kam an, was für eine wunderbare Gemeinschaft wir in der Woche geworden waren und für eine gute Stunde war er ein Teil davon.
Es war ein unverhofftes und unerbetenes Geschenk. Eines, das noch lange bei mir und bestimmt auch noch bei meinen Pilgern nachschwingen wird.
Dieses Erlebnis lässt mich darüber nachdenken, wie wir bitten sollen: Es ist gut, wenn wir möglichst konkret ausdrücken, was wir uns wünschen. Und wenn wir dabei das Kunststück schaffen, dabei zu bleiben: Bei einem Wunsch. Nicht einer Erwartung oder gar einer Forderung. Wenn unsere Bitte mit einer Haltung der Offenheit und Freiheit einhergeht, dann kann alles mögliche Gute geschehen. Vielleicht ist dann sogar der oder die, die wir bitten, eine Beschenkte, weil sich etwas zutiefst Menschliches einstellen wird: Der Fluss von Geben und Nehmen, ein Resonanz Geschehen, das nicht planbar ist, aber immer wieder erfahrbar. So ist auch Luka Bloom sichtlich bewegt von diesem Hin und Herließen in sein Auto gestiegen am Ende des Abends, hat mich noch mal umarmt und verabschiedete sich mit den Worten: „Fare well, Brother“
Ich bin überzeugt, dass unser Gegenüber das spüren wird: Kein Drängen, kein moralischer Apell, kein erhobener Zeigefinger. Einfach eine schlichte Bitte. Wer so bitten kann, dem wird viel gegeben – nicht immer zu jeder Zeit, aber zur passenden Zeit.
„Bittet, so wird euch gegeben“ ist mehr als ein frommer Ratschlag. Es ist eine tiefe Weisheit, die Jesus in der Bergpredigt (Mt, 7,7) und in der Feldrede (Lk 11, 9 ff) mit uns teilt. Sie ist Ausdruck dafür, dass wir geliebte Kinder sind und Beschenkte.
Wenn ich das ganz tief in mir wissen darf, dann brauche ich keine angestrengten und oft verzweifelten Versuche, mir selbst einen Wert zuzusprechen. Ich habe ihn einfach. Weil ich bitten darf.