Du bist das Bild – Pfingstgedanken von Andy Lang
Eine Insel mitten im Watt. Man kommt nur bei Ebbe dorthin, denn bei Flut ist der kleine Dammweg vom Festland auf die Insel hoch mit Nordseegewässer überspült. Wenn aber Ebbe ist und das Wetter schön und dann vielleicht noch ein Feiertag, so wie heute am Pfingstsonntag, sind Tausende dort und schlendern durch die malerischen Gassen des kleinen Dörfchens, genießen einen kunstvoll gebrauten Kaffee im „Pilgrims“ oder bestaunen die über tausend Jahre alten Mauern der Kathedralen-Ruine. Abhängen am Strand, Vögel sichten oder im Watt waten wäre auch noch im Angebot. All dies tue ich nicht mit meinen Pilgern, sondern sitze fernab des Trubels und doch mittendrin im „Gospelgarden“ – einem liebevoll angelegten Mauergarten mit duftenden Rosen, phantasievoll geschnittenen Buxbäumen und der typisch heimeligen Atmo, die nur ein Mauergarten haben kann. Unser Gastgeber hier ist Andy Raine, der seit über 50 Jahren auf der Insel „Holy Island“ im Nordosten Englands lebt und so etwas wie die personifizierte Weisheit des Ortes ist.
Wir reden über Pfingsten. Dieses komische, so unkonkrete Kirchenfest, das gegenüber Weihnachten und Ostern einfach irgendwie blass bleibt. Kein Christkind und auch kein Osterhase hauchen diesem Fest die Volkstümlichkeit und feierliche Stimmung ein, die ein großes Fest eben braucht. Daher rangiert Pfingsten ganz hinten auf der Beliebtheitsliste und hier in England nennt man den freien Tag einfach „Bankholiday“ anstelle von „Pentecost“. Aha, die Bank hat also geschlossen, die Kirche vielleicht auch?
Andy Raine verfolgt erst mal die gleiche Spur und stellt fest, dass auch in der Kunstgeschichte Pfingsten seltsam unterbeleuchtet ist. Die großen Maler à la Rubens, Rembrandt bis hin zu Chagall haben x berührende Christkind Darstellungen oder wuchtige Auferstehungsbilder entstehen lassen, aber Pfingsten? Fehlanzeige! Ein paar mickrige Flammenzungen, oder eine unspektakuläre Taube – das ist alles, was ihnen ikonographisch zu diesem Fest einfällt.
Dabei gibt es ein einmaliges, nie vorher dagewesenes Bild, das sich noch dazu in millionen hafter Differenziertheit zeigt, wenn man es doch nur sehen will. Bis ich es euch verrate, müssen wir aber noch einen kleinen Umweg gehen:
Der Umweg heißt: „Johannesevangelium“. Andy Raine erklärt uns, dass dieses jüngste Evangelium, das dem Lieblingsjünger Johannes zugeschrieben wird, das Lieblingsevangelium der keltischen Christen war. Gegenüber den drei älteren „synoptischen“ Evangelien erzählt es ganz andere Geschichten und enthält lange Reden Jesu. Das ist aber nicht der Grund.
Die Resonanz, die das Johannesevangelium in der keltischen Seele erzeugte, war seine Betonung der Beziehung. Immer wieder wird hier ausgeführt, wie wichtig, ja essentiell es ist, in einer Beziehung zu sein, die ganz nahe, verständnisvoll und voller Liebe ist. „Ich nenne euch Freunde“ sagt Jesus z.B. zu seinen Jüngern und von ihm und seinem Abba behauptet er: „Ich und der Vater sind eins“.
Johannes betont wie sonst kein anderes Evangelium, dass wir Menschen Wesen der Beziehung sind. Wie kaum jemand vor ihm hat das der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber erkannt und 1923 in seinem Grundlagenwerk „Ich und Du“ ausgeführt: Wir Menschen können uns selbst nur finden durch ein Gegenüber, ein Du, zu dem wir in echte Beziehung treten können. Gott ist dabei das ultimative Du, durch den wir erst zu dem „ich“ werden, das sein ganzes Potential leben kann und damit beginnen kann, sein Gegenüber nicht nur als Objekt zu sehen, das irgendwie instrumentalisiert, benutzt, vor den eigenen Karren gespannt oder sonst irgendwie gebraucht, gelabelt und beurteilt werden könnte.
Und jetzt kommt der Pfingstdreh: Das perfekte Bild des Pfingstgeschehens, dieser wundersamen Ausgießung des „Heiligen Geistes“ bin ich! Und Du! Jeder und jede von uns!
Wenn wir uns erst einmal begreifen könnten als fleischgewordenes Gefäß, das vom Geist des Lebens erfüllt ist – dann können wir auch endlich damit anfangen, dem Leben als Ganzen zu dienen. Dann können wir über unsere kleinlichen, bisherigen Definitionen unseres Egos hinauswachsen, das nur Leben für sich selbst sichern und erhalten will. Dann erst kommen wir zur Einsicht des großartigen Albert Schweitzers, der es auf den Punkt bringt mit seinem legendären Satz: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“.
Wenn das Pfingsten wäre: Dass wir alle ein echtes und unverwechselbares Bild des Heiligen Geistes würden – also des guten Geistes, der heilt und zusammenbringt – dann wäre mehr geschehen als ein Sprachenwunder vor 2000 Jahren in Jerusalem.
Und dann müssten sich alle warm anziehen, die uns in der Objekterstarrung fixieren wollen: Werbung, Konsum, Statusdenken und die dazugehörigen politischen und wirtschaftlichen Bewegungen wären ihrer Grundlage und ihrer Verführungskraft beraubt, denn: Um in echter Beziehung zu leben, braucht es sehr wenig an Äußerlichkeiten. Aber sehr viel an innerer Haltung.
Kann es sein, dass meine Pilger und ich diesen Gospelgarden irgendwie verwandelt verlassen? Ein bisschen leichter und zugleich zuversichtlicher? Ja, denn in uns ist eine Ahnung gewachsen, dass es auf uns ankommt, ob der gute Geist leuchtet – und schließlich verwandelt.
Andy Lang