Muss gibds ned
Guter Gedanke von Andy Lang am Ende der Urlaubszeit 2026
August. Wohlige Wärme am Tag, laue Abende später, Meeresrauschen oder Bergblick, die Seele baumeln lassen.
Millionen von Deutschen sind im vergangenen Monat wieder ihrem stressigen Alltag entflohen und haben sich ein paar Wochen Auszeit gegönnt. Warum auch nicht, wer es sich zeitlich und finanziell leisten kann, ist „dann mal weg“.
Es ist heilsam und gesundheitsförderlich, wenn wir immer wieder Abstand zu unserer Agenda, unseren To Do´s und den vielfachen Herausforderungen unseres beruflichen und privaten Alltags bekommen. Aber reicht das: 2 – 3 Mal im Jahr die Kurve kratzen und an einem anderen Ort das Glück suchen?
Ihr merkt schon: Das ist eine rhetorische Frage. Denn so schön es ist, in den Urlaub zu fahren: wir nehmen dabei uns ja auch immer selber mit. Unsere Verhaltens – und Denkmuster, unsere Ansprüche an uns selber und auch unseren inneren Antreiber: `Dies musst du noch tun und das auch! Sogar im Urlaub. Ja nichts verpassen.` Unsere Jugendsprache hat für diese halb panische, halb lustvolle „Muss- Strategie“ sogar ein Fachwort: FOMO (Fear Of Missing Out = die Furcht, etwas zu verpassen oder nicht dazu zu gehören).
Vor zwei Jahren begegnete mir auf einer exotischen Insel ein älterer Österreicher. In charmantem Wiener Akzent teilte er nach einem längeren Gespräch mit bedeutungsschwangerem Ton so etwas wie ein Vermächtnis mit: „Andy, aans noch: Muss gibds ned!“
Diese Überzeugung war mir sofort sympathisch. Wenn auch ganz schön schwer umzusetzen. Denn natürlich „muss“ ich scheinbar dies oder jenes, von der Steuerabgabefrist bis zum zuverlässigen Erscheinen bei einem Geschäftstermin. Aber Karl (Name geändert) hat schon recht: All die Dinge, denen wir Wichtigkeit verleihen, erhalten diese Wichtigkeit nur durch uns selbst und unsere verinnerlichten Bilder von uns als verlässliche und korrekte Menschen. Bei manchen Menschen ist dieses Bild so stark entwickelt, dass es sie in einen Burnout bringt. Denn: wir können gar nicht immer „müssen“, einfach weil wir endliche Wesen mit endlichen Zeit – und Kraft Ressourcen sind. Daher ist Karls Credo echt eine Entlastung: „Muss gibds ned“.
Ich musste schon schmunzeln, als ich am nächsten Tag etwas eilig aufbrach, um den Bus zum Flughafen nicht zu verpassen. Mit ein bisschen schlechtem Gewissen verkürzte ich die Abschiedszeremonie mit den Worten: „Ich muss zum Bus!“. Darauf Karl: „Andy, wos ob I dir gestern gsogt?“ Wir haben dann beide herzlich gelacht und verabschiedet und ich stieg in den Bus ein.
„Muss gibds ned“ „muss“ man üben. Es ist so eine strake Herausforderung für unser seit Jahren eingeübten Muster der Zuverlässigkeit und natürlich stößt diese Überzeugung im Alltag immer wieder an ihre Grenzen.
Daher: Üben! Eine sehr lustvolle Übung könnte das absichtslose Schaukeln in einer Hängematte sein. Im Bild sehr ihr die Zweipersonenhängematte von „The Bield“, meinem Seelenort in Schottland. Wenn man dort liegt, hört man das Rauschen der uralten Buchen und Redwoods und das fröhliche Gurren der Tauben und Singen der Lerchen.
Wie in einem Gesang kam zu mir dort dieses Gedicht, das ich gerne mit euch teile:
Lobpreis der Hängematte
Dein sanftes Schaukeln im 6/8 Takt
Erinnert mich an das Wogen und Fließen
Im Leib meiner Mutter.
Nicht, dass ich mich wirklich daran erinnere
wie es dort war, warm und geborgen,
geschützt und genährt.
Und doch erinnert sich Etwas in mir
An die Zeit des Wachsens und Austragens,
an den Tanz meiner Eltern und die geliebte Stimme von außen
die mir doch so nah war, als wäre sie meine.
Ist es dieses Wissen jenseits von Worten,
das mich so fröhlich macht, so heiter?
Grundloser Ozean, ewiges Gegründet sein,
Wurzeln bis tief in die Eingeweide
meiner Selbst und von Mutter Erde.
Du jedenfalls, mit deinem modifizierten Walzertakt
rührst dieses Wissen in mir neu
und ich preise deine absichtslose Erinnerung
an die Hingabe und die Liebe,
wie sie raunt und singt zu mir
im Rauschen des Blutes. Andy Lang, 4.8.26, The Bield