Heute geht ein denkwürdiger Tag zu Ende: Das 25.ste „Jubiläum“ von 9/11. Nicht, dass man einen Terrorakt ungeheuren Ausmaßes, der die Welt nachhaltig verändert hat (man denke nur an die nervigen, nötigen Sicherheitskontrollen beim Fliegen seitdem, viel schlimmer an die Kriege im Gefolge dieser Aggression) „jubilieren“ will – aber eben eingedenk sein, dass so etwas Unerwartetes und Schreckliches geschehen konnte.
Ich möchte einen zufälligen und doch so passenden Fund mit euch teilen, der ein ungewöhnliches Licht auf diesen Tag wirft:
In seinem (autobiographischen) einzigen Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ von 1910, der in Tagebuchform verfasst ist, schreibt Rainer Maria Rilke diese rhetorischen Fragen dem Lesenden ins Herz.
Die letzte Frage berührt mich besonders und es lohnt sich, sich den Text laut vorzulesen und daran zu denken, dass er am Vorabend des ersten und undenkbaren Weltkriegs entstand:
„Ist es möglich, … dass man noch nichts Wirkliches und Wichtiges gesehen, erkannt und gesagt hat? Ist es möglich, dass man Jahrtausende Zeit gehabt hat, zu schauen, nachzudenken und aufzuzeichnen, und dass man die Jahrtausende hat vergehen lassen wie eine Schulpause, in der man sein Butterbrot isst und einen Apfel?
Ja, es ist möglich.
Ist es möglich; dass man trotz Erfindungen und Fortschritten, trotz Kultur, Religion und Weltweisheit an der Oberfläche des Lebens geblieben ist? Ist es möglich, dass man sogar diese Oberfläche, die doch immerhin etwas gewesen wäre, mit einem unglaublich langweiligen Stoff überzogen hat, so dass sie aussieht wie die Salonmöbel in den Sommerferien?
Ja, es ist möglich.
Ist es möglich, dass die ganze Weltgeschichte missverstanden worden ist? Ist es möglich, dass die Vergangenheit falsch ist, weil man immer von ihren Massen gesprochen hat, gerade, als ob man von einem Zusammenlauf vieler Menschen erzählte, statt von dem einen zu sagen, um den sie herumstanden, weil er fremd war und starb?
Ja, es ist möglich.
Ist es möglich, dass man glaubte, nachholen zu müssen, was sich ereignet hat, ehe man geboren war? Ist es möglich, dass man jeden einzelnen erinnern müsste, er sei ja aus allen Früheren entstanden, wüsste es also und sollte sich nichts einreden lassen von den anderen, die anderes wüssten?
Ja, es ist möglich.
Ist es möglich, dass alle diese Menschen eine Vergangenheit, die nie gewesen ist, ganz genau kennen? Ist es möglich, dass alle Wirklichkeiten nichts sind für sie; dass ihr Leben abläuft, mit nichts verknüpft, wie eine Uhr in einem leeren Zimmer –?
Ja, es ist möglich.
Ist es möglich, dass man von den Mädchen nichts weiß, die doch leben? Ist es möglich, dass man ›die Frauen‹ sagt, ›die Kinder‹, ›die Knaben‹ und nicht ahnt (bei aller Bildung nicht ahnt), dass diese Worte längst keine Mehrzahl mehr haben, sondern nur unzählige Einzahlen?
Ja, es ist möglich.
Ist es möglich, dass es Leute gibt, welche ›Gott‹ sagen und meinen, das wäre etwas Gemeinsames? – Und sieh nur zwei Schulkinder: es kauft sich der eine ein Messer, und sein Nachbar kauft sich ein ganz gleiches am selben Tag. Und sie zeigen einander nach einer Woche die beiden Messer, und es ergibt sich, dass sie sich nur noch ganz entfernt ähnlich sehen, – so verschieden haben sie sich in verschiedenen Händen entwickelt. (Ja, sagt des einen Mutter dazu: wenn ihr auch gleich immer alles abnutzen müsst. –)
Ach so: Ist es möglich, zu glauben, man könne einen Gott haben, ohne ihn zu gebrauchen?
Ja, es ist möglich.“
Wow! Rilke sagt, es sei möglich – an einen Gott zu glauben, ohne „ihn“ zu „gebrauchen“. Also ohne ihn vor den eigenen Karren zu spannen, zum Erfüllungsgehilfen der eigenen Wünsche und halb ausgegorenen Pläne zu machen, ohne ihn zur Verlängerung des eigenen Machtwillens zu instrumentalisieren oder durch ihn und sein „Programm“, seinen angeblichen Willen, seine eigene Agenda durchzudrücken.
Ich denke an die Koppelschlösser der deutschen Soldaten im ersten Weltkrieg, auf denen stand: „Für Gott und Kaiser“. Ich denke an das patriotische, englische Lied „Rule Britannia, Britannia rule the waves“, das auch heute noch am letzten Tag der beliebten „Proms“ in der Royal Albert Hall von allen Besuchern als quasi Staatshymne gesungen wird. Ich denke an Nethanjahu, der religiös verbrämt Palästinänsergebiet de facto besetzt und damit jegliche Friedensbemühungen ad absurdum führt. Ich denke an Trump, der seine Bibeln verkauft und damit sich selbst und an Putin, der sich vom Patriarchen Kyrill ostentativ segnen lässt.
Sie alle haben einen Gott und gebrauchen ihn. Für ihre Pläne, ihren Machterhalt, ihr Ego.
Auch die Terroristen von 9/11 wussten ganz genau, was „Gott“ von ihnen wollte.
Und wir? Wie würden wir die Gretchenfrage beantworten: „Heinrich, wie hälst du´s mit der Religion?“
Mir scheint, die Vokabel „Gott“ sollte heute mit großer Zurückhaltung, Demut, ja Askese verwandt werden. Eine Übung. Täglich.
Ich möchte gern nicht von Gott sprechen, sondern zu ihm. Mein Role Model dabei: Jesus, der sagte: „Vater, nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“
Falls das (immer wieder einmal) gelingt, hat Rainer Maria Rilke recht: Ja, es ist möglich!