1: Die richtigen Fragen stellen statt altbewährte Antworten bemühen

Vor über dreißig Jahren versammelten sich einige Sehnsüchtige in einer alten, abgelegenen Kapelle im nordenglischen Northumberland. Sie hatten einen Traum:

Sie wollten als Christen zeichenhaft ein neues Leben wagen und Versöhnung auf allen Ebenen ihres Wirkens leben: in ihren Familien und Beziehungen, in ihrer Gesellschaft und ihrer Arbeit, in ihren (zerstrittenen) Kirchen und Glaubenstraditionen. Die knapp 50 Anwesenden konnten damals nicht ahnen, dass das die Geburtsstunde eines weltweiten Netzwerkes gelebten Glaubens mit gesellschaftlicher Relevanz werden würde: Die ökumenische Gemeinschaft „Northumbria Community“ wurde geboren.

Mein Freund Andy Raine war dabei und erzählt: „Es gab damals große gesellschaftlicher Verwerfungen: Die Reichen wurden reicher und die Armen sehr arm. Wir stellten uns die Frage: „Wie sollen wir denn nun leben? How then shall we live?“

Und zugleich wussten wir: Wir dürfen keine schnellen Antworten geben. Wir müssen in die Fragen hineinwachsen. Wir nannten das später: „love the questions“.

Diese Askese der jungen Gemeinschaft, sich schneller, scheinbar gültiger Antworten zu enthalten, führte zu einem tiefen gemeinsamen Nachdenken und einem kreativen Prozess, der heute noch anhält.

Weil sich Situationen und Herausforderungen ständig ändern, müssen auch gefundene Antworten überdacht werden und Fragen neu gestellt werden. Was gestern noch richtig schien, ist morgen vielleicht ganz anders.

Das gilt auch auf der ganz persönlichen Ebene und so hat die Gemeinschaft den häretischen Imperativ erfunden:

  • Ich will mich immer wieder hinterfragen lassen und bleibe kritik– und damit entwicklungsfähig.
  • Wir müssen unangenehme Fragen stellen und den Status quo herausfordern! In Beziehung zu sein ist wichtiger als den guten Ruf aufrechtzuerhalten und den Schein zu wahren.

Wenn wir uns heute die Frage stellen: „Wie sollen wir nun leben?“, begeben wir uns auf eine nötige und auch spannende Reise in die Möglichkeiten menschlicher Empathie. Und wir sollten uns diese Frage auf vielen Ebenen stellen: als Einzelne, als Familien, als Gesellschaft und als Gruppen wie Kirchen, Vereine, Freundeskreise.

„Wie will ich leben?“ kann eine durchaus lustvolle Frage sein, wenn wir sie nicht von vornherein mit negativem Verzicht und Gewissensnot verbinden. Es kann sein, dass uns diese Frage zu unseren Prioritäten führt: Wie will ich meine Zeit nutzen? Mit wem will ich zusammen sein? Was tut mir und meinem Umfeld gut? Wo sind meine Kraftquellen? Wie kann ich in der Balance leben zwischen entspannen und engagieren?

Die durch das Virus verordnete Zwangspause kann einen Raum für die richtigen Fragen eröffnen – und für die Muße, diese zu stellen. Sind wir mutig und engagiert genug dazu?

Eine poetische Ermutigung kommt von Rainer Maria Rilke in seinem Brief an einen jungen Dichter:

„Man muss Geduld haben
mit dem Ungelösten im Herzen
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antworten hinein.“

Rainer Maria Rilke

Gute Gedanken:

  1. Die richtigen Fragen stellen statt altbewährte Antworten bemühen
  2. Alles ist im Wandel statt Immer weiter so
  3. Von der Schöpfung lernen statt Erde ausbeuten
  4. Gemeinschaft leben statt Egotrip
  5. Verzicht macht Spaß, Konsum höhlt aus.
  6. Staunen statt Rennen
  7. Verletzlich sein statt dem Recht des Stärkeren zu huldigen
  8. Wertschätzen statt spalten
  9. Gott wohnt in uns statt „homo deus“

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