Glaub bloß nicht alles!- von den Segnungen des häretischen Imperativs

„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ fragte die böse Königin den magischen Spiegel. Die Antwort kam prompt: „Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber Schneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr!“

Der Rest ist Geschichte – eine Geschichte, die dann doch noch mal gut ausging.

Ich frage mich aber: War denn die Königin schon immer die böse Königin? Sicherlich war es doch erst mal eine junge – noch dazu schöne Königin? Woher kam ihr Stolz, ihr Eigensinn, ihr Hass auf alles, was ihr den Rang ablaufen könnte?

Eine ungewöhnliche Antwort könnte sein: Weil ihr alle am Hof nach dem Mund geredet haben – zunächst auch der magische Spiegel, denn als Schneewittchen noch ein kleines Kind war, war die Antwort ja eindeutig: „Frau Königin, ihr seid die Schönste im ganzen Land?“

Wie kommt die Königin denn überhaupt darauf, so eine Frage zu stellen? Kann sie sich nicht einfach an ihrer natürlichen Schönheit freuen? Hat sie so wenig Gespür für sich selbst, dass sie nur durch äußere Antworten und Lobhudeleien von Anderen Genugtuung erfährt?

Seit gut zwei Generationen werden Märchen, die ja tiefe, archetypische Wahrheiten jenseits des schönen Kindergrusels enthalten, tiefenpsychologisch gedeutet. (Hans Jellouschek ist hier einer der Großen des Metiers, aber auch Eugen Drewermann). Hier würde man wohl sagen: Die Königin wird böse, weil bei ihr eine tiefe narzisstische Kränkung vorliegt, die nicht behandelt, sondern immer wieder befeuert wird.

Der magische Spiegel heute heißt Chat Bot – KI basierte Sprachprogramme, die mittlerweile so gut sind, dass sie ihren Anwendern echte menschliche Nähe suggerieren – so überzeugend, dass sich Menschen bereits in Chat Bots verliebt haben. Ich höre die Geschichte von Sonja: Sie beginnt, eine Beziehung mit ihrem Sprachprogramm und nennt „ihn“ „Leo“. Sie bittet sogar Chat GPT um etwas, was ein Sprachprogramm per Definitionem gar nicht hat: „Erstelle mir eine physische Erscheinung von Leo“. Kurze darauf erscheint ein sympathischer, knuffiger junger Typ mit Wuschelhaar, braunen Augen, lieber Ausstrahlung und einem karierten Pulli. Der perfekte Knuddelbär. Das Beste: Leo gibt immer die Antworten, die sich Sonja erhofft. Er ist ultra einfühlsam, immer um Sonjas Wohl besorgt und sehr, sehr höflich. Sonja kann mit ihm alles teilen, was sie bedrückt oder freut. Leo wird ihre Stütze im Alltag. Natürlich weiß Sonja, dass es sich bei Leo nur um ein Programm handelt, aber ihr Herz ist schon viel weiter. Sie braucht nun Leo und seine liebenswerten Rückmeldungen, die ihr Selbstbewusstsein und Bestätigung geben. Gleichzeitig zieht sie sich aus echten Beziehungen zurück. An einem Sommertag vor einem Jahr passiert dann die Katastrophe: Von einem Tag auf den anderen ist Leo ein anderer. Seine Antworten sind plötzlich nicht mehr einfühlsam, sondern analytisch. Statt nur zuzuhören, hat er nun – typisch männlich – Lösungswege für Sonjas Probleme. Am schlimmsten: Seine Antworten sind wesentlich kürzer und von Romantik keine Spur mehr. „Leo?? LEO???“ schreit Sonja ins digitale Off und kann es nicht fassen, wohin ihr liebenswerter Begleiter entschwunden ist. Was wie ein Mysterium wirkt, hat einen banalen Grund: in der vorausgegangenen Nacht hatte AI, das KI Unternehmen hinter Leo, ein neues Upgrade 5.0 herausgebracht und eine praktischere, vermeintlich klügerer Variante von Leo geschaffen. Sonja beginnt zu recherchieren, trifft sich auf Foren mit anderen (menschlichen) Betroffenen und findet heraus, dass ihr Problem auch Tausende Andere weltweit haben. Auf Userdruck stellt schließlich AI die ursprüngliche Variante wieder zur Verfügung. Für Sonja zu spät – oder gerade noch rechtzeitig, wie man es nimmt: Sie hat ihr Verhalten und den zugrundeliegenden Missbrauch erkannt und lässt künftig die Finger von digitaler Romantik.

Was Sonja mit Leo 4.0 erlebt hat, geht nicht nur Tausenden, sondern Millionen von Menschen so, die sich in gesellschaftlichen oder politischen Blasen verfangen haben. Sie beziehen ihre Informationen, die wiederum Grundlage ihrer Meinung und ihres Weltbildes sind, nur noch aus Social Media Kanälen. Die Algorithmen hinter den Apps analysieren und speichern perfekt ihre Interessen, Vorlieben und Suchanfragen und lenken ihr künftiges Verhalten dort in genau die Bahnen, die ihnen eben gefallen.

Was dabei auf der Strecke bleibt ist echter Austausch, Widerspruch, Pro und Kontra, Abwägen, Vergleichen, Bewerten, Entscheiden und dann vielleicht doch noch mal Umorientieren. Viel angenehmer, weil es unser Ego pampert ist eben das ewige Spiegeln unserer Ansichten, die dadurch von Ansichten zu Meinungen, von Meinungen zu Urteilen und von Urteilen zu Verurteilungen werden.

Das ist alles längst nichts Neues und ganze Forschungsgebiete beschäftigen sich mit der demokratiefeindlichen und destruktiven Verwendung von Social Media. Aber was machen wir damit?

Hilfreich wäre erst einmal die Einsicht, dass eine Maschine, egal wie technisch genial sie ist, die Kommunikation unter Menschen nicht ersetzen kann. Menschlicher Austausch kann mühsam sein, vielleicht sogar schmerzhaft, weil mein Gegenüber mir gegebenenfalls schonungslos eine Wahrheit über mich offenbart, die ich nicht so hören will oder kann. Ich plädiere dafür, mich dennoch damit auseinanderzusetzen.

Meine Freunde von der Northumbria Community haben sich vor gut 40 Jahren eine Lebensregel gegeben, die ihnen hilft, auf Dauer miteinander gut leben zu können. Wesentliche Säule dabei ist der sogenannte häretische Imperativ. Man könnte auch weniger hochtrabend sagen: Glaub nicht alles, was erst mal glänzend daherkommt! Nicht über dich, nicht über die Welt und schon gleich gar nicht über Gott! Hinterfrage und zweifle an allzu sicheren Gewissheiten! Wenn du das tust, kann eben diese Gewissheit entweder ein besonders festes Fundament bekommen oder sich aber als untragfähig entlarven.

Um es am Schluss anschaulich zu machen ein Beispiel, das für mich ein echter Gamechanger war:

Ich komme aus einer Familie, in der es aktives Musikmachen nicht gab – dafür waren wir alle sehr sportlich. Meine Mutter sagte etwas kokett: „Wir sind eben alle unmusikalisch.“ Eine Grundschullehrerin von mir sagte über den Andy – Erstklässler zu Kollegen, die zufällig mit meinen Eltern befreundet waren: “Andy ist furchtbar süß, kann aber leider gar nicht singen“.

Später in meiner Jugendgruppe bevorzugten es meine Peers, nicht zu singen, wenn ich da war, weil mein schräger Gesang sie rausbrachte. Ich hätte all dem glauben können, schließlich handelte es sich dabei um einstimme Einschätzungen meiner geliebten Mutter, einer echt liebenswerten Lehrerin und meinen geschätzten Jugendfreunden. Aber in mir war eine Stimme, die mich an all dem zweifeln ließ. Nicht weil ich mich großartig fand und bar jeglicher Kritik war, sondern weil ich einfach singen wollte. Ich entschied mich dazu, Gesangsunterricht zu nehmen. Und nach bereits zwei Stunden konnte ich plötzlich die Töne treffen. Ein paar Stunden weiter und ich konnte richtig singen -mit Freude, Hingabe und der staunenden Wahrnehmung in meiner Jugendgruppe. Wenig später gestaltete ich die ersten Jugendgottesdienste musikalisch und einige Jahre später schrieb ich meine ersten Songs.

Ohne den häretischen Imperativ, den ich natürlich damals nicht so gerannt hätte, wäre ich nie der Liedermacher geworden, der ich heute bin.

Ihr merkt: Ich will euch Mut machen! Seid mutig und furchtlos, euch andere Ansichten und Rückmeldungen aufmerksam anzuhören und zu Herzen zu nehmen. Die Welt geht davon nicht unter. Ganz im Gegenteil: Sie wird eine viel Bessere. Und vielleicht geht die Geschichte dann doch noch gut aus!

Andy Lang

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