Auferstehung

Gedanken von Annemarie Ritter

Ich stelle sie mir vor, wie sie zum Grab geht – zu dem Ort, an dem alles begraben liegt, wofür ihr Herz schlug. Sie war Seine Gefährtin, Seine Vertraute – die kluge, eigenständige Frau, die den ganzen Weg mit Ihm gegangen war – den inneren Weg und den äußeren. Sie hatte Ihn geliebt. Er hatte sie geliebt. Sie hatte ihr Leben mit Seinem verbunden. Unauflöslich. Sie, Mirjam von Magdala, Maria Magdalena. Jetzt war Er tot. Und sie? War nicht all das, was sie lebendig gemacht hatte, mit Ihm gestorben? Gescheitert der Traum von einer Gesellschaft, in der Frauen und Männer gleichberechtigt miteinander unterwegs sind – gleich wichtig, gleich wertvoll, mit gleicher Würde? Gescheitert die Vision von einer Gemeinschaft, in der alle einander achten, voneinander lernen und miteinander suchen, was dem Frieden dient?

Mirjam geht dorthin, wo sie meint, Ihm nahe sein zu können. Aber sie findet Ihn dort nicht mehr. Ob nun das Grab in physischem Sinn leer war oder nicht – es spielt keine Rolle. Der, für den ihr Herz schlug – der Tod hatte Ihn nicht halten können. Das, wofür sie gemeinsam gelebt hatten – in keinem Grab der Welt hätte es sich wegsperren lassen.

Sie dreht sich um, lässt das Grab hinter sich. Durch den Tränenschleier hindurch sieht sie IHN, lebendig. Im ersten Moment erkennt sie Ihn nicht. Doch dann nennt Er sie bei ihrem Namen: „Mirjam!“ – Seine Stimme, der Klang ihres Namens – er löst alles, was in ihr erstorben und erloschen schien. „Rabbuni!!“, jubelt sie Ihm zu. „Mein geliebter Meister!“ (Joh. 20, 16) – Nein, Umarmen geht nicht. Keine körperliche Berührung. Aber ihre Seele verschmilzt mit Seiner, stelle ich mir vor. Es ist, als ob Sein Atem jetzt durch ihre Lungen strömt, Sein Blut durch ihr Herz fließt und in ihren Adern pulsiert.

Er schickt sie los, zu erzählen, was sie gesehen und erlebt hat. Sie ist die erste Apostelin, die erste Zeugin der Auferstehung. – Unter den Schriften, die es nicht in die Bibel geschafft haben, aber für die frühen Christen große Bedeutung hatten, ist auch das Evangelium der Maria aus Magdala. Sie war eine der prägenden Personen der jungen Kirche. Manche Forscher meinen, ohne sie hätte die Jesus-Bewegung keine Zukunft gehabt. Grotesk, dass die Kirche später so von Männern dominiert wurde…

Die junge katholische Theologin Jacqueline Straub, die sich zur Priesterin berufen fühlt, sagte einmal in einer Fernsehsendung: „Der Heilige Geist weht, wo er will. Wo, das kann nicht einmal ein Mann bestimmen. Ich gehe davon aus, dass zuerst der Zölibat aufgehoben wird und danach auch Frauen katholische Priesterinnen werden können.“ Ich kenne katholische Kolleginnen (Pastoralreferentinnen, Katechetinnen…), in deren Wirken viel zu spüren ist von Jesu Geist.

Und: Die Hüterinnen der großen Schwellen, Geburt und Tod, sind seit eh und je meist weiblich. Hebammen und Sterbebegleiterinnen etwa haben oft eine weitere, umfassendere Sicht. Sie sehen Übergänge, wo andere Grenzen fürchten.

Auferstehung – wie kann sie bei uns geschehen? – Ich meine, nicht erst nach unserem physischen Tod, sondern schon hier und heute. So wie Abschiede unser Leben durchziehen und immer wieder Loslassen und Hinter sich lassen gefragt sind – so erreicht uns auch der Ruf zu neuen Ufern immer wieder. In jedem Ende liegt auch ein Anfang. Ich bin überzeugt, in jedem und jeder von uns wirkt schon die „Keimkraft“ neuen Lebens, neuer Berufung.

„Du darfst leiden, du darfst schwach sein, du musst nicht immer funktionieren“, so haben wir am Karfreitag hier gelesen. Ja! „Es ist okay, dass du dich gerade gar nicht okay fühlst.“ Ja! Du darfst und sollst dir das Scheitern eingestehen. Ja! Lass dir Zeit dafür. So viel Zeit, wie es braucht. So viel Zeit, wie du brauchst.

Doch wenn du dann den Ruf hörst, der DIR gilt; wenn du die Frage spürst: „Was suchst du?“ und DEINE Antwort weißt – dann dreh dich um. Lass das Grab hinter dir. Wende dich dem Lebendigen zu. Schau IHN an. Spüre, was neu werden und wachsen will in dir… Und dann geh los. Geh DEINEN Weg. Verbunden mit IHM.

So mag der alte Ostergruß auch unser Herz mit Freude und neuem Leben erfüllen:

Der HERR ist auferstanden!

Er ist wahrhaftig auferstanden!

Halleluja!

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