Bereit für den Zauber?
Alle Jahre wieder gibt es bei uns im Fichtelgebirge Ende November den ersten Wintereinbruch. Ein frostiges Intermezzo mit Schneeflocken und den ersten Minusgraden zaubert eine heimelige vorweihnachtliche Stimmung auf Wald und Flur. Wer ein bisschen erfahren ist, weiß, dass das nur ein Vorspiel ist und der Zauber nicht all zu lang anhält. Bald steigt das Thermometer wieder um ein paar Grad und aus dem rieseligem Schnee wird grieseliger Regen – und der Zauber ist verflogen.
So ist es auch mit der Weihnachtszeit: Pünktlich steht in diesen Tagen der erste Advent ins Haus und von da an zählen wir die Tage bis Weihnachten – und im Handumdrehen ist alles wieder vorbei.
Aber: Anstelle sie nur zu zählen, sollten wir diese besondere Zeit als das sehen, was sie ist: Vorbereitungszeit. Ankunftszeit. Etwas Großes kündigt sich an.
Dazu muss man nicht besonders fromm sein, man muss nicht einmal an Weihnachten glauben. Der „Erfolg“ von Weihnachten liegt nicht so sehr an seinem Glaubensinhalt (Gott wird Mensch), sondern an den archetypischen Bildern, in denen diese große Geschichte erzählt wird und die in so vielen Liedern und Gemälden besungen und gemalt ist wie kein anderes Ereignis.
Wir ahnen, wenn wir das Kind in der Krippe betrachten, dass das Leben kostbar ist, schützenswert, unverfügbar und v.a.: verletzlich.
Diese Zartheit und Unberührtheit hat immer wieder das Potential, uns zu verzaubern: Nicht mit Magie, sondern mit Mitgefühl. Wir ahnen, welcher Mensch wir sein könnten, wenn wir den Anteilen in uns Raum und Kraft geben, die uns menschlich sein lassen: Freude. Hingabe. Liebenswürdigkeit. Gemeinschaftssinn. Großherzigkeit.
Wir können das, auch wenn diese Anteile in uns sehr verborgen oder gar verschüttet sind, weil wir glauben, in einer harten und kalten Welt unseren Mann und unsere Frau stehen zu müssen. Wenn der Zauber der Weihnacht einen hartgesottenen Geizhals und Menschenfeind wie Ebenezer Scrooge verwandeln konnte, dann erst recht mich und dich.
Allerdings: Wir sollten bereit sein. Wir dürfen uns verfügbar machen. Wenn der flüchtige Moment anklopft, sollten wir alles liegen und stehen lassen. Das habe ich von meinem Freund und Liedermacherkollegen John Doan gelernt: „Wenn die Inspiration für eine neue Komposition kommt, dann lasse ich alles fallen, was ich gerade tue und mache mich ganz verfügbar für den Moment, in dem die Muße zu mir spricht“. So sind aus Johns Feder und seinem Herzen wundervolle Melodien geflossen – vielleicht eine Klangspur für euren Adventssoundtrack: https://www.johndoan.com/
Ich nehme mir Johns Rat zu Herzen. Als die ersten dicken Flocken fallen, ziehe ich mir meine Schuhe an (!), hole meine Winterjacke aus der Garderobe und mache mich auf in den Wald. Hier ist es still und heilig und ich werde tatsächlich beschenkt mit einem Gefühl von tiefem Frieden. Und mit der Idee zu diesen Gedanken.
Wir brauchen ein bisschen Disziplin, um bereit zu sein. Weniger ist mehr. Nicht jeder Adventsmarkt muss besucht, nicht jede Weihnachtsfeier erlebt und nicht jeder click getan werden. Wenn wir Platz schaffen für den Zauber, wird er sich ereignen. Nicht auf Kommando, aber mit Feinsinnigkeit und einem Gespür für den Moment.
Wann der kommt? Keine Ahnung. Das ist ja das Schöne!
Andy Lang