Das Prinzip Bohlen

Von Andy Lang

Ein Bohlen ist eine sehr gute Sache – er kann sogar Leben retten. Etwa dann, wenn er als 4 – 5 cm dickes Brett auf einem Gerüst den Absturz eines Bauarbeiters verhindert.

Aus Blockbohlen kann man wunderbar ästhetische und noch dazu CO 2 bindende Häuser bauen – wie es eine Freundin von mir im Frankenwald getan hat. Ein jahrhundertealtes und bewährtes Prinzip.

Ganz anders sieht es aus, wenn wir den Blick auf einen anderen Bohlen richten: Der Pop Produzent aus Tötensen bei Hamburg hat es zu einer peinlichen Berühmtheit gebracht: Erst mit Hits wie Cherry Cherry Lady (Kirschmädchen!) und in den letzten 18 Jahren als kandidatenfressender Chef Juror bei „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS), der Mutter aller casting shows in Deutschland, ausgestrahlt vom Trash TV Sender RTL. Mit markigen, aber v.a. abwertenden Sprüchen über die Talentfreiheit der Sängerinnen und Sänger hat er ein Millionenpublikum unterhalten und vermutlich auch erfreut, weil sich jeder zuhause in seinem Sessel insgeheim freuen konnte, selbst nicht so blöd zu sein, sich in die Fänge Bohlens und seiner Verbalattacken begeben zu haben – im Gegensatz zu den armen KanditatInnen. Kommentare wie: „Das war super – super Scheiße“ – „Geniales outfit – für die Müllabfuhr von Castrop Rauxel“ oder auch ein straightes „Du bist scheiße“ wurden in der Presse und den sozialen Medien genüsslich kolportiert und einem staunenden Massenpublikum vorgetragen. Faszinosum et tremendum!

Ebenso ein jahrhundertaltes – aber verruchtes Prinzip.

Nun hat sich RTL – wohl auf Betreiben des neues Chefs Andreas Bartl – kommentarlos von der Quotenqueen Dieter Bohlen getrennt. Der Vertrag wurde nicht verlängert.

Scheinbar will der neue Chef den Sender aus der Schmuddelecke holen. Eine neue Freundlichkeit soll Einzug halten. Zuletzt hatte DSDS auch nur noch 10 % der Einschaltquoten vom Anfang. Wollen die Zuschauer etwas anderes als bisher?

Warum rede ich hier bei den Guten Gedanken über RTL und Bohlen? Was hat das mit uns zu tun? Ich selbst habe DSDS nur ein einziges Mal vor ca. 17 Jahren angesehen, als ich den Paradiesvogel Daniel Küblböck einmal live sehen wollte.

Ich denke, dass wir aus der Personalie um Dieter Bohlen und der Richtungsentscheidung des Senders durchaus etwas lernen können:

Unsere Zeit braucht eine neue Freundlichkeit. Es reicht nicht, sich über den rauen Ton in unserer Gesellschaft zu beschweren – wir können selbst dazu beitragen, dass sich die Gepflogenheiten in die richtige Richtung entwickeln. Und gerade nach einem anstrengenden Pandemiejahr mit all den Kollateralschäden an Misstrauensvoten, Vertrauensverlust in staatliche Institutionen und Verschwörungsszenarien liegt es bei jedem und jeder von uns: Wie will ich meinem Gegenüber begegnen? Will und kann ich zuhören – auch wenn ich anderer Meinung bin? Kann ich einen Vertrauensvorschuss geben?

Ich mag bei mir selber anfangen. Ich hab mir – zugegeben noch nicht konsequent genug – die Floskel „Ja, aber …“ abgewöhnt. Ich möchte mein Gegenüber ausreden lassen und zuhören, bevor ich meine ach so wichtige eigene Meinung verkünde. Und vor allem: Ich sage nichts Schlechtes, Diffamierendes, Kleinmachendes über Leute, die gerade nicht da sind.

Wir könnten großzügig sein. Nicht jede Unausgegorenheit gleich kommentieren. Unbeleidigt auf die Herausforderungen reagieren, denen wir ausgesetzt sind und die so oft entgegen unserem Reflex gar nichts mit uns persönlich zu tun haben. Christoph Quarch sagt:

„Wer schnell beleidigt ist oder sich rasch empört, verrät, dass seine Seele klein ist. Wer stets um seine Ehre oder seine Würde fürchtet, zeigt damit, dass sie nicht viel wiegen. Beleidigt sein ist das Symptom des aufgeblähten Egos, das sich bloß künstlich aufplustert, um seine Unreife, Unsicherheit und Untauglichkeit zu vertuschen. Die Gleichung ist einfach und geht immer auf: Je schneller ein Mensch sich beleidigt fühlt, desto größer ist sein Ego, desto kleiner seiner Seele.“

Versuchen wir es also mit einer großen Seele – immerhin haben wir die ja alle geschenkt bekommen! Und deswegen mag ich lieber wie ein dickes Brett – ein Holzbohlen – für Standhaftigkeit und Sicherheit stehen als das andere Bohlen Prinzip durch mein Mitmachen zu unterstützen.

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