Frust und Zuversicht

Gedanken von Annemarie Ritter

Stellt euch vor, ihr öffnet als Mutter oder Vater die Tür zum Zimmer eurer pubertierenden Tochter. Als erstes handelt ihr euch einen Rüffel ein, weil ihr nicht angeklopft habt und gewartet, bis die junge Dame „herein“ sagt. Zweitens bringt ihr die Tür gar nicht vollständig auf, weil am Boden so manches liegt, was da eigentlich nicht hingehört. Ihr schiebt euch trotzdem ins Zimmer – und würdet am liebsten gleich rückwärts wieder rausgehen. Berge von Klamotten, dazwischen Chips- und Gummibärchentüten, Joghurtbecher, irgendwo auch Lose-Blatt-Sammlungen, die vermutlich mit den letzten Arbeitsaufträgen in Mathe und Französisch zu tun haben… Selbst wenn ihr nichts sagt, sondern euch nur einen missbilligenden Gesichtsausdruck erlaubt, erntet ihr vermutlich ein genervtes Aufstöhnen oder ein unfreundliches Fauchen… (Ähnlichkeiten der Schilderung mit real existierenden Jugendlichen wären rein zufällig 😊) – Habt ihr euch in solchen oder ähnlichen Momenten auch schon mal gefragt, was eigentlich eure jahrelangen Bemühungen um eine gute Erziehung gefruchtet haben? Alles vergeblich??

Vor Jahren sagte mir eine kluge Frau, die viel mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, sinngemäß Folgendes: Familienregeln sind gut. Aber wundern Sie sich nicht: Jugendliche werden diese Regeln zu 100 % in Frage stellen oder ablehnen, um sie später zu 80 % zu übernehmen. Diese Prognose hat mich echt getröstet; ich denke oft daran.

Oder stellt euch einen Lehrer, eine Lehrerin vor: immer wieder die gleichen Rechtschreibfehler; auch in der 7. Klasse noch Schwierigkeiten mit dem kleinen Einmaleins; immer wieder mehr oder weniger fantasievolle Ausreden wegen Zu-spät-Kommens, fehlender Hausaufgaben und dergleichen. Jetzt im homeschooling die Steigerung: Die Lehrer arbeiten sich mit großem Engagement in die Funktionen der online-Plattformen ein; erstellen mit viel Mühe digitale Arbeitsaufträge. Die Schüler sind – nun ja, meist pflichtgemäß „anwesend“ – aber nicht immer sollte man nachfragen, wie diese „Anwesenheit“ sich konkret gestaltet und was zeitgleich zum Unterricht sonst noch abgeht. – Manchmal mehr als frustrierend für die, die sich Mühe geben. Und doch: Die allermeisten Schüler und Schülerinnen entwickeln sich zu lebenstüchtigen Erwachsenen, die es schaffen, so manche Krise zu bewältigen. Sie haben durchaus „fürs Leben gelernt“ und lernen weiter.

Und auch hier und heute und mitten in der Pubertät gibt es „Sternstunden“ – Momente des Staunens, wo Eltern oder Lehrer spüren und erleben, was für wundervolle Begabungen und Möglichkeiten in unseren Kindern stecken. (Das Foto oben stammt von unserer 14-jährigen Tochter ) Momente liebevoller Nähe und tiefer Verbundenheit; Momente tiefer Dankbarkeit.

Frust-Erfahrungen gehören zu unserem Leben. Ich vermute, den meisten von euch fallen spontan eine Reihe von Beispielen ein – je nach Lebenssituation verschieden, aber durchaus geeignet, uns am Sinn dessen zweifeln zu lassen, wofür wir doch so viel Zeit und Kraft investiert hatten. Jetzt in der Corona-Zeit erleben nicht wenige Menschen besonders viel Frust und Infragestellung. Und doch gibt es dann, Gott sei es gedankt, auch Grund zur Zuversicht. Auch wenn man gelegentlich genau hinschauen muss, Geduld und einen langen Atem braucht, um das Gute, Hoffnungsvolle zu sehen.

Ich finde es spannend, dass bereits die Bibel von Frusterfahrungen erzählt. Etwa im Gleichnis vom Sämann: Dreiviertel des ausgestreuten Saatguts geht verloren; dafür bringt das verbleibende Viertel eine überreiche Ernte. Jesus lässt durchblicken, dass die meisten seiner Zuhörer nicht wirklich verstehen, worum es geht. Dass aber die wenigen, die es begreifen, viel Segen in die Welt bringen werden.

So nah liegen Frust und Zuversicht beisammen – sogar bei Jesus. Es tut gut, trotz aller Krisenstimmung Zuversicht zu atmen, Hoffnung auszubreiten, Vertrauen zu leben. Es wird wachsen – nicht durch uns, sondern durch IHN.

Jesus erzählt folgendes Gleichnis:

Ein Bauer ging aufs Feld, um zu säen. Beim Ausstreuen der Saat fiel einiges auf den Weg, wo es zertreten und von den Vögeln aufgepickt wurde. Einiges fiel auf felsigen Boden. Die Saat ging zwar auf, verdorrte aber bald, weil die nötige Feuchtigkeit fehlte. Einiges fiel mitten ins Dornengestrüpp. Die Dornbüsche wuchsen mit der Saat in die Höhe und erstickten sie. Und einiges fiel auf guten Boden, ging auf und brachte hundertfache Frucht.

Lukas 8, 4-8

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