Gemeinschaft Teil 1

von Annemarie Ritter

Was ist Gemeinschaft?

Spontan assoziiere ich: Um ein Feuer sitzen. Miteinander reden. Miteinander schweigen. Einander spüren. Die gleiche Musik mögen. In Resonanz sein… – Verbindlich, verantwortlich leben. Verfügbar sein – und verwundbar (Northumbria). Gemeinsame Werte haben. Und gemeinsame Ziele… – Gerne dürft ihr die Liste ergänzen…

Ein Aspekt von Gemeinschaft beschäftigt mich in diesen Tagen vor dem Pfingstfest besonders: Der Zusammenhang von guter Gemeinschaft und gelingender Kommunikation – und wie wenig beides einfach „machbar“ ist.

„Gottes Geist schenkt Kommunikation.“ Mit diesem Thema haben wir uns in der Gebärdensprachlichen Kirchengemeinde beschäftigt. Gottes Geist schenkt, dass Kommunikation gelingt – nicht nur oberflächlich, sondern in der Tiefe, von Herz zu Herz. So entsteht Gemeinschaft. Lebendige Gemeinschaft, die mehr ist als ein Nebeneinander unterschiedlicher Menschen.

In der Pfingstgeschichte (Apostelgeschichte 2) wird erzählt, wie die Menschen das Evangelium mit einem Mal in ihrer je eigenen Sprache hören und verstehen, in ihrer Muttersprache, in der Sprache ihres Herzens. Sie verstehen und werden verstanden. Ohne Dolmetscher. Meine gehörlosen Gemeindeglieder sind sehr berührt von der Geschichte; einige haben feuchte Augen. Für sie ist die Kommunikation mit den meisten Mitmenschen mühsam. Sie verstehen vieles nicht und werden oft nicht oder nicht richtig verstanden. Das erzeugt das Gefühl, nicht wirklich dazuzugehören zur Gemeinschaft. Doch: „Der das All umfasst, kennt jede Sprache“, so heißt es im Leitvers zum Pfingstfest. Ich bin überzeugt, auch die Gebärdensprache.

In Corona-Zeiten ist es besonders krass: Wenn eine Maske das Mundbild verdeckt, haben gehörlose Menschen keine Chance, ihr Gegenüber zu verstehen. Sie können nicht aufs Telefonieren ausweichen, wo persönliche Treffen nicht möglich sind. Sie wohnen weit verstreut und hatten während der Lockdowns kaum Möglichkeiten, gehörlose Freunde – Mitglieder ihrer „community“ – zu treffen.

Umso dankbarer sind viele für die Gottesdienste in Gebärdensprache. Ich erlebe die Gemeinschaft hier ungleich intensiver, vertrauter und auch verbindlicher als in einer „normalen“ hörenden Kirchengemeinde. Wie selbstverständlich holen jüngere Gemeindeglieder alleinstehende ältere, gebrechliche Leute zum Gottesdienst ab und bringen sie wieder heim. Wenn jemand nicht einkaufen gehen kann oder das Faxgerät Probleme macht – fast immer findet sich schnell und völlig unbürokratisch ein „Helfer“ oder eine „Helferin“ innerhalb der gebärdensprachlichen Gemeinschaft. Ich habe große Hochachtung davor, wie Menschen hier zusammenhalten und füreinander einstehen. Da erlebe ich Gemeinschaft ganz handfest und konkret.

Gemeinschaft entsteht da, wo ich „meine“ Sprache gebrauchen kann – meine Herzenssprache; die Sprache, in der sich meine Seele ausdrücken mag. Wir haben meist sehr feine Antennen dafür, wo das möglich ist. Wo ich so sein darf, wie ich bin. Wo ich genau so, wie ich bin, wertschätzend wahrgenommen werde. Solche Gemeinschaft ist ein Geschenk des Gottesgeistes.

Gemeinschaft Teil 2

von Andy Lang

Nachdem ich Annemaries Gedanken gelesen habe, ist mir eins klargeworden:

Es gibt keine Gemeinschaft, wenn wir glauben, dass wir sowieso schon immer alles selbst hinbekommen und völlig autonom sind. Oder anders gesagt: Es ist erst unsere Verletzlichkeit, unsere gegenseitige Abhängigkeit, unser Aufeinander Bezogen sein, schlicht: Unsere Schwachheit, die uns verbindet und in eine Weite und Tiefe führt, die wir selbst nie so erreichen würden.

Paulus erzählt im 2. Korintherbrief (2. Kor. 12.9), wie er mit einer Krankheit ringt und Gott oft bittet, dass er ihm diesen Kelch des Leidens wegnehme. Und dann hört er diese Worte von seinem Seelenfreund Christus: „Lass dir an meiner Gnade genügen – denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“

Aussagen wie diese haben schon immer Leute aufgeregt. Am prominentesten in dieser Schar dürfte Friedrich Nietzsche sein. Er hat zwar durchaus auch nachvollziehbar – kritische Dinge über die Christen seiner Zeit gesagt („Bessere Lieder müssten sie mir singen, dass ich an ihren Erlöser glauben lerne. Erlöster müssten mir seine Jünger aussehen“), aber zum Gedanken von Paulus hatte er nur Spott übrig, zu weit ist dieser von seiner Vorstellung der heroischen Herrenmenschen entfernt.

Spätestens die Pandemie hat uns aber gelehrt, dass wir in einem Netzwerk von Abhängigkeiten leben, auch wenn uns das gegen den Strich geht. „Es bedarf nur eines winzigen Virus oder eines kleinen Zahnschmerzes, um aus einem strahlenden Sieger einen erbärmlichen Wurm zu machen!“ ist eine Wahrheit, die lustig klingt, aber ernst gemeint ist.

Wie wärs, wenn wir das akzeptieren: Dass wir wunderbare, lichtvolle, starke und mit vielfältigen Potentialen begabte Menschen sind und zugleich unsere Schwächen, Wunden und Abhängigkeiten haben? In den Kirchen wurde letzteres über Jahrhunderte überbetont und im großen Bottich der Sündenlehre bis zur Unverdaulichkeit verrührt. Im weltlichen Bereich wird ersteres in den letzten 30 Jahren zelebriert und verführt die Menschen zu einem Glauben an Autonomie, der sie letztlich in den Burn out führt und Gemeinschaftserfahrungen verunmöglicht. Aber es sind schlicht zwei Seiten der gleichen Medaille. Jede Wahrheit hat einen „Sowohl – als auch“ Aspekt – die Philosophen nennen das dialektisch.

Lasst uns ja sagen zu beiden: zur Größe und Schwachheit, zum Licht und zum Schatten.

Dann können unsere Wunden Wunder bewirken und aus unserer Schwachheit Großartiges entstehen. Dann brauchen wir unser Ego nicht mehr aufblasen, weil es genügt, dass unser Selbst selbst sein kann. Dann werden wir durchdringen zum Anderen und Gemeinschaften bauen, von denen wir bisher nur träumten.

Gottes neue Welt – so könnte sie beginnen: Mit uns!

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