Ist die Kirche noch zu retten? Von der Zukunft kirchlichen Lebens nach Corona

Ihr Lieben

Dieser Gute Gedanke wird das gewöhnliche Format sprengen und ich mute euch ein komplexes Thema zu – es treibt mich um und ich weiß, dass es einigen von euch auch so geht.

Seit einem Jahr leben wir nun in der Pandemie – mit Zeiten des Lockdowns und Zeiten der Öffnung. Natürlich haben diese Herausforderungen nicht nur uns alle persönlich betroffen, sondern auch alle Bereiche der Gesellschaft – und so eben auch die Kirchen.

Ich habe in dieser Zeit großes Engagement und kreative Ideen und Umsetzungen von haupt- und ehrenamtlichen Menschen in der Kirche erlebt – aber eben auch Abtauchen, Schweigen, Übererfüllung von staatlichen Vorgaben und eiliges Ausfallenlassen von Gottesdiensten und Veranstaltungen. Sicherlich: Da, wo das Infektionsgeschehen überhand nimmt, kann dies durchaus ein Akt der Solidarität und des gesunden Menschenverstands sein. Manchmal schwangen in den Entscheidungen aber auch ein Maß von Angst und Vorsicht mit, ein Bedürfnis, ja nichts falsch zu machen. Von einer Nürnberger Gemeinde habe ich gehört, dass der Kirchenvorstand Ende Januar beschloss, bis September keine besonderen Veranstaltungen mehr durchzuführen und Gottesdienste nur da, wo alles ganz sicher sein kann – live und analog erstmalig wieder vor Ostern.

Diese Nachricht brachte mich auf den Titel: Ist die Kirche noch zu retten? Oder anders: Wird es nach der Pandemie noch eine Gemeinde geben? Menschen, die die Kirche als Raum wahrnehmen für ihre Sehnsucht nach Ermutigung und Trost, nach Gemeinschaft und Inspiration, nach hoffnungsvollen Erfahrungen und Begegnungen mit Gott und den dort Aktiven zutrauen, dass sie ihnen mit ihrem Handeln und Sprechen wirklich etwas zu geben haben?

Und diese Sehnsucht gibt es. Ich erlebe es seit Jahrzehnten bei Konzerten und besonders bei meinen Pilgerreisen nach Irland und Schottland und den kleineren Formaten in Franken: So viel Sehnsucht nach Sinn, Nähe, Bedeutung des eigenen Lebens, Erfahrung von Gemeinschaft und Gottes Gegenwart. Nur: Viele dieser Menschen, denen ich begegnen durfte, suchen all dies nicht mehr im Kontext kirchlicher Angebote. Zu abgehoben, zu einseitig, zu selbstverliebt bzw. selbstbezogen erscheint diesen Gottessehnsüchtigen die aktuelle Gestalt der Kirche, wie sie sie wahrnehmen.

Corona und der Rückzug kirchlicher Präsenz aus dem öffentlichen Leben scheint ein Brandbeschleuniger dieser Entwicklung zu sein.

Ich liebe meine Kirche, aber ich sehe, dass sie krank ist – und mache mir daher Gedanken, was zu einer Heilung beitragen könnte.

Dabei weiß ich, dass wir das Rad nicht neu erfinden müssen. Was machte eigentlich die erste Gemeinde, die Urgemeinde in Jerusalem, so attraktiv, dass Menschen aus allen Kulturen und Völkern sich angezogen fühlten?

In der Apostelgeschichte bringt ein einzelner Vers es auf den Punkt:

Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet“ (APG 2,42).

Wenn ich das in heutige Begriffe übersetzen will, könnte ich diese vier Säulen vielleicht so beschreiben: Inspiration, Gemeinschaftserlebnisse, solidarisches Handeln, Erfahrungen mit Gott.

Das wiederum bringt mich zu fünf Antithesen, die ich gerne im Folgenden entfalten will.

Ich tue das als Suchbewegung, nicht als einer, der die Lösung schon hätte. Auch will ich mich mit diesen Thesen nicht über meine KollegInnen in den Gemeinden erheben.

Ich spüre nur, dass es höchste Zeit ist für einen Wandel. Und ich glaube, dass ich durch meine Perspektive und Erfahrungen mit vielen geistlich interessierten Menschen, die sich allenfalls am Rande der Kirche verorten würden, einen besonderen Beitrag geben könnte.

Fünf Antithesen:

  1. Relevante Fragen und Themen statt weltfremde Predigten
  2. Verständliche Sprache statt Kirchenlatein
  3. Räume der Gemeinschaft statt vereinzelnde Konsumhaltung
  4. Begeisternde Kirchenmusik statt „Orgel von oben“
  5. Schöpfungsspiritualität statt Kirchenzentriertheit

Bevor ich gleich diese Punkte ausführe, möchte ich einem Missverständnis vorbeugen:

Wenn Kirche sich wirklich und nachhaltig verändern soll – und Martin Luther sagte schon, dass sie sich immer zu verändern habe, immer reformfähig bleiben soll – kann dies keine Bewegung von oben sein. Kirchenleitung mag kluge Konzepte entwickeln und Pfarrer und hauptamtliche Mitarbeiter mögen richtige Weichen stellen, aber: Die Kirche sind wir! Wenn wir uns ihr entziehen, wird nichts geschehen. Wenn wir keine Verantwortung übernehmen, werden wir der Kirche beim Sterben zusehen. Unbeteiligt, von außen. Aber so läuft es nicht. Ich möchte daher meine fünf Forderungen nicht als Appell an „die da oben“ verstanden wissen, obgleich sie natürlich wichtig sind. Relevanter jedoch sind wir: Wenn wir auf der Matte stehen, uns einbringen, auch einfordern, was sich verändern muss, kann vieles geschehen, was vorher nur Theorie war!

Zu 1. Relevante Fragen und Themen statt weltfremde Predigten

Wer von uns hat das nicht schon erlebt: eine langweilige, unverständliche Predigt, die schier kein Ende nehmen wollte. Als Jugendlicher ist mir einmal das glatte Gegenteil passiert: Ich war so beindruckt, ja ergriffen von der Predigt, dass ich an jenem Sonntagabend ganz begeistert einem Freund erzählte: „Schade, dass du heute nicht da warst, die Predigt war der Hammer!“ Erwartbar fragte er: „Worum ging es denn?“ Ich musste errötet sein, denn ich hatte keinen blassen Schimmer mehr vom Inhalt. Nur das Gefühl der unbedingten Betroffenheit war in meinem Herzen geblieben!

Ich glaube, wir PfarrerInnen sind viel zu sehr darauf getrimmt, dass die theologisch korrekte Auslegung der Bibel schon reicht, um eine gute Predigt abzuliefern. Aber es ist so viel mehr: Wie sehr können die Hörenden die Relevanz der Worte in ihrem eigenen Leben entdecken? Welche wichtigen Fragen und Probleme, die sie – nicht nur der Prediger – haben, tauchen denn auf? Eine gute Predigt wird immer ein dialogisches Geschehen sein – ihr müssen beim Entstehen die Fragen und Lebenslagen der Hörenden zugrunde liegen – daher tun PredigerInnen gut daran, mit ihrer Gemeinde im Gespräch zu sein und nicht allein im stillen Kämmerlein ihre Gedanken zu entwickeln.

Welche Inspiration, Handlungs- oder Haltungsoption bietet die Auslegung?

Und schließlich: Muss es denn immer die Auslegung des vorgeschriebenen Bibeltextes sein? Kann nicht regelmäßig auch ein wichtiges Lebens– oder Glaubensthema Gegenstand der Predigt sein?

Zuallerletzt: Die Predigt ist nicht das Zentrum des Gottesdienstes! So viel mehr kann geschehen zwischen Glockengeläut und Schlusssegen, wenn wir den einzelnen Elementen des liturgischen Geschehens wirklich etwas zutrauen! Ich habe eine junge Frau erlebt, die durch den Empfang der Hostie von einem schlimmen Trauma befreit wurde, ich habe Menschen beim Empfang des Segens aufleuchten sehen und ich selbst habe schon bei so manchem Kirchenlied weinen können.

Jörg Zink, der große schwäbische Mystiker, sagte bereits vor Jahrzehnten:

Der Protestantismus hat allzu lange behauptet, Gott offenbare sich allein in seinem Wort. Dieses Wort werde durch Lehre vermittelt und mit dem Kopf aufgenommen. Wenn aber Gott uns so nahe ist, wie das Wort Jesu vom `Vater` uns sagen will, dann gibt es viele andere Wege, auf denen Vertrauen, Glaube, Zuversicht und Dankbarkeit entstehen können, Heiterkeit, Leichtigkeit, Lockerheit. Wenn eines der Ziele, die uns das Evangelium vor Augen stellt, ist, wir sollten leben wie die Kinder, dann müssen wir wohl dem Kind in uns, das zu schauen vermag, zu singen, zu tanzen und zu danken, Raum geben.“

(ders. Dornen können Rosen tragen, Freiburg, 2009, S. 68)

Zu 2: Verständliche Sprache statt Kirchenlatein

Wer kennt ihn nicht, den Kirchenjargon? Klingt fromm, aber das ist schon alles.

Das Sprechen im liturgischen Kontext darf gerne poetisch sein, Literatur zitieren, Sprachschönheit zelebrieren – aber es muss immer nachvollziehbar sein. Gerade bei Gebeten ist das wichtig, denn schließlich soll durch die formulierten Worte die Gemeinde sich selbst an Gott wenden. Ich habe vor Jahren damit aufgehört, das Fürbittengebet am Ende des Gottesdienstes vorzuformulieren. Stattdessen versuche ich, kurz und prägnant das Thema des Gottesdienstes und ein, zwei konkrete Gebetsanliegen frei zu beten und anschließend genügend Zeit für ein persönliches Gebet in der Stille zu lassen. Eine schöne Alternative dazu ist der „prayer pot“, eine Tradition unserer Freunde von der Northumbria Community: Zu Beginn des Gottesdienstes kann jede(r) ein Gebetsanliegen in einen Topf werfen – davon werden dann drei gezogen und vorgetragen. Die anderen Anliegen könnten in einer Gebetsgruppe während der Woche gebetet werden. So entsteht auf sehr einfache Weise Verbundenheit, Relevanz und sprachliche Schlichtheit.

Sprache besteht allerdings aus viel mehr als aus Worten. Tonfall, Körperhaltung, Mimik und Gestik machen Gehörtes zu einem ganzheitlichen Erleben. Wie oft wurde ich schon mit „Herzlich willkommen zu diesem Gottesdienst“ begrüßt, aber von Herzlichkeit war weit und breit nichts zu spüren. „Walk your talk“, sagen die Engländer und sie haben recht. Die Protagonisten im liturgischen Geschehen sollten sich bewusst sein, dass Schlichtheit, Freundlichkeit und körperliche Präsenz am Rednerpult genau so wichtig sind wie in der persönlichen Begegnung. Das Zauberwort heißt hier: authentisch sein – also Sprache, Haltung und eigenes Gefühl in eine möglichst große Übereinstimmung zu bringen. Damit das gelingt, hilft neben handwerklichem Können das Bewusstsein, dass ich es letztlich nicht selbst machen kann, sondern Beschenkter bleibe. Darum ist das Vorbereitungsgebet vor dem Gottesdienst von zentraler Bedeutung für die Handelnden: Hier kann ich mein eigenes Unvermögen ebenso wie meine Gaben Gott hinhalten und ihn bitten, der eigentlich Wirkende zu sein.

Zu 3. Räume der Gemeinschaft statt vereinzelte Konsumhaltung

Ein oberfränkischer Coronawitz geht so: „Wir Oberfranken sind so froh, wenn die Abstandsregel von 1,50 Meter wieder aufgehoben wird! Dann können wir endlich wieder unseren gewohnten Sozialabstand von 4 Metern zurück haben!“

Und tatsächlich: Wenn man hierzulande einen Gottesdienst mit Abstandsregeln besucht, bemerkt man kaum einen Unterschied zu sonst: Auf das zu große Kirchenschiff verteilen sich die spärlichen BesucherInnen gleichmäßig. Vor Corona habe ich einmal einen älteren Mann aus einem Außenort meiner Heimatgemeinde, den ich sehr schätze, genau darauf angesprochen: „Warum sitzt du denn in der letzten Reihe, Ferdl?“ Seine Antwort: „Do sitzen mier aus Hermersraath scho immer – frieher worn merr sugor auf derr Emporn!“

Für mich lässt sich so nicht gut Gottesdienst feiern. Von meinen Konzerten weiß ich: Ich bin selbst zuständig für das setting. Also kann ich auch Menschen ermuntern, näher zu kommen (wenn das wieder erlaubt ist), denn: Ein wirklich gutes Konzert besteht nicht in einer möglichst perfekten Show – sondern im Hin- und Herfließen von Gefühlen und Herzensbewegungen vom Protagonisten zum Publikum und zurück.

Vor Jahren hab ich das mal so formuliert: „Das größte Geheimnis meiner Musik sind die Menschen, die sie hören. Aus ihren Hoffnungen, Sehnsüchten und Träumen erfährt meine Klangwelt Tiefe und Raum.“

Warum sollte das bei einem Gottesdienst anders sein?

Gerade hier haben die Menschen, die kommen, einen bedeutenden Anteil am gemeinsamen Erleben: Lasst uns die Konsumhaltung ablegen und erkennen, wie wichtig jede(r) Einzelne ist, um ein stimmiges Gesamterleben miteinander zu wirken.

Vielleicht verabreden wir uns mit Freunden, zum Gottesdienst zu gehen – dann sitzen wir schon einmal gemeinsam und können eine der vorderen Reihen belegen. Und wenn wir nicht nach dem Gottesdienst nach Hause stürmen, um rechtzeitig um 12.00 am Mittagstisch zu sitzen, könnten wir uns noch unterhalten – warum nicht bei einer Tasse Kaffee? Gemeinschaft entsteht dort, wo Menschen sich aufeinander einlassen und am Leben des anderen Anteil nehmen. Das kann uns niemand abnehmen.

4. Begeisternde Kirchenmusik statt „Orgel von oben“

Musik öffnet Herzen! Martin Luther wusste bereits: „Wer singt betet doppelt“ – und hält die Musik für das beste Heilmittel gegen Traurigkeit, Vereinzelung und Anfechtung. Sogar der Teufel flieht vor ihr, davon war er überzeugt. Wenn man „den Teufel“ als Chiffre für alle Kräfte der Spaltung versteht, wird deutlich: Musik erfreut uns nicht nur, sie verbindet auch und schafft Gemeinschaft. Deswegen erfand Luther den Gemeindegesang, wo vorher nur Priester und Kantoren ihre Stimme erheben durften.

Holen wir uns dieses Wissen zurück!

Die Musik gehört in den Zuständigkeitsbereich der Gemeinde! Anrühren sollte sie, gut gemacht sein und begeistern. Dabei ist es zunächst egal, ob es sich um klassische Kirchenmusik handelt oder gar um gut vorgetragene Gregorianik, um meditative Taize Gesänge oder um Lieder zur Gitarre oder Worship Songs mit Band.

Wichtig ist die Qualität des Vortrags, die Aufrichtigkeit der MusikerInnen und ein stimmiges Gesamtkonzept. UND: Es darf nicht um Selbstdarstellung einiger weniger gehen, sondern um Inklusion: Mitmachen ist hier wichtiger als Exzellenz oder Bühnenshow. Deswegen ist weniger oft mehr.

Es könnte gut sein, dass Gemeinden hier etwas Geld in die Hand nehmen müssen: um Nachwuchs zu schulen (es gibt übergemeindliche, hervorragende Angebote vom Posaunenchor- Kirchenchor- und Popularmusikverband und es gibt professionelle Musiker vor Ort), um den einen oder anderen Künstler einzuladen und um engagierte Musiker vor Ort zu motivieren, sich dauerhaft einzubringen.

Martin Luther übrigens liebte die Orgel nicht – zu mächtig und imposant kam sie ihm vor – damit ist er wohl nicht allein. Natürlich kann auch sie wie jedes Instrument einfühlsam und stimmig gespielt werden und so dem Ganzen dienen. Und genau das sollte das Ziel der Kirchenmusik sein: den Menschen zu helfen, sich Gott zu nähern – durch Gesang, Meditation, Klangraum, der Herzen öffnet.

5. Schöpfungsspiritualität statt Kirchenzentriertheit

Ein älterer Pfarrer ereiferte sich während einer Jugendfreizeit über Leute, die etwas entschuldigend zu ihm sagten: „Ach Herr Pfarrer, Sie sehen uns nicht so oft in der Kirche, wissen Sie, im Wald fühlen wir uns unserem Schöpfer näher“ – „Dann“, so donnerte er, „sollten Sie sich auch vom Oberförster beerdigen lassen!“ Mir erschien schon damals als 14-Jährigem diese Argumentation seltsam. Der Kollege konnte damals wohl kaum ahnen, dass nur zwei Jahrzehnte später tatsächlich Bestattungen zum Berufsbild eines Försters, der im Friedwald arbeitet, gehören könnten.

Der Trend scheint eindeutig zu sein: Etliche Paare wollen lieber draußen heiraten als in einer Kirche. Bestattungen im Friedwald nehmen zu. Berggottesdienste haben Hochkonjunktur, Pilgermessen sind en vogue und findige Kollegen bieten Taufen im Fluss oder im See an. Vermessen?

Vermessen ist eher die Idee, Gott in ein Gebäude sperren zu wollen. Tatsächlich ist es landläufig in ev. und kath. Kirchen üblich, dass kirchliche Amtshandlungen zunächst ausschließlich in den dafür vorgesehenen Gebäuden/Kirchen stattzufinden haben. Ausnahmen müssen explizit genehmigt werden.

Doch immer mehr Menschen spüren wieder neu die Kraft von Ritualen; suchen nach Möglichkeiten, Lebensübergänge in besonderer, für sie stimmiger Weise zu begehen. Das kann in sakralen Räumen geschehen – aber keineswegs nur dort. Für unsere Ahnen waren (Kirchen-)Gebäude zunächst schlicht ein Schutz vor Wind und Wetter. Später wurden die Gebäude selbst als „heilige Orte“ verstanden. Natürlich gibt es diese – aber wohl kaum, weil sie als solche definiert werden, sondern weil sie sich als solche erweisen: Als Kraftorte, die von einer besonderen Präsenz durchdrungen sind.

Und klar: Es kann wunderbar sein, in einer altehrwürdigen Kirche zu heiraten, Gottesdienst zu feiern oder einfach still für sich zu sein und Gott zu suchen. Aber eben nicht nur dort!

In Irland ist dieses Wissen und Spüren von Gottes Gegenwart in seiner Schöpfung noch sehr lebendig: Den Elementen Wind, Regen, Erde ausgesetzt und dem Himmel ganz nah spüren die Menschen dort gerade in und durch die Natur die Gegenwart ihres Schöpfers. Natürlich ist die Haltung, mit der ich mich im Draußen bewege, essentiell für solch eine Erfahrung: Jogge ich durch den Wald oder bewege ich mich mit einer achtsamen Erwartungshaltung für die Begegnung?

Die irische geistliche Literatur ist voll von Schöpfungspoesie und – spiritualität. Das berühmte Gebet, das als „Patricks Brustplatte“ direkt dem Nationalheiligen zugesprochen wird, preist Gott in allen seinen Geschöpfen und Werken – von den Engeln bis zu den Erscheinungen der Natur. Dort heißt es:

Ich erhebe mich heute
Kraft der Himmel,
Des Lichtes der Sonne,
Des Glanzes des Mondes,
Des Leuchtens des Feuers,
Des Eilens des Blitzes,
Des Sausens des Windes,
Der Tiefe des Meeres,
Der Festigkeit der Erde,
Der Härte der Felsen.

Ich erhebe mich heute
Durch gewaltige Kraft,
Durch Anrufung der Dreifaltigkeit,
Durch Glauben an die Dreiheit,
Durch Bekennen der Einheit des Schöpfers.“

Kirche wird dort Raum und Vertrauen zurückgewinnen, wo sie den intuitiven Haltungen ihrer Mitglieder (auch solcher, die schon mit den Füßen abgestimmt haben) vertraut statt misstraut; wo sie sich ohne Furcht oder Abgrenzungsbedürfnis öffnet für Formen des Glaubens, die nicht althergebracht sind, sondern neues Land beschreiten; wo sie sich aufmacht für neue und zugleich sehr alte Erfahrungen, die Menschen schon immer dort gemacht haben, wo sie der Ruf dessen, was sie unbedingt angeht, ereilte; wo sie die unselige Unterscheidung in natürliche und dialektische Theologie zu überwinden vermag!

Um zur Eingangsfrage zurückzukommen: Ist die Kirche noch zu retten?

Ich glaube nein! Zumindest nicht von uns, obwohl wir zunächst viel tun können, damit es ihr besser geht.

Und auch nicht unbedingt in ihrer aktuellen Verfasstheit und institutionellen Prägung. Das trifft besonders auf die katholische Kirche zu, die sich von einer boy group mit stark patriarchalem Gepräge und allen dazugehörigen Problemen und Machtzentrierungen dringend distanzieren müsste. Aber auch ev. Kirchen und Freikirchen sind dort betroffen, wo ihre überkommenden Strukturen den Status Quo zementieren und Menschen ausschließen, die nicht zur Kerngemeinde gehören.

Dort aber, wo sich Kirche als Gerettete neu entdeckt, kann sie ein Ort des Aufbruchs werden: Raus aus zu engen Strukturen und rein in die Weite des Reiches Gottes.

ER wird es selber bauen! Wenn wir Glück haben, benutzt ER uns dazu.

Andy Lang, 28.2.2021

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