Ist Jesus wirklich für uns gestorben?

Gedanken zum Osterfest 2026 von Andy Lang

Was soll denn das für eine Frage sein: „Ist Jesus wirklich für uns gestorben?“ „Na klar,!“ sagen die einen, „darum feiern wir ja jedes Jahr Ostern.“ „Weiß nicht so recht“, sagen die anderen, „ich kann mir das nicht so wirklich vorstellen!“ „Blödsinn,“ sagen die Dritten, „ich kann mit dieser Aussage schon lange (oder noch nie) etwas anfangen.“

Wenn wir als Christen fröhlich und ausstrahlend Ostern feiern wollen, dann wäre es gut, wenn wir hier aussagekräftig wären und deswegen mag ich euch gerne auf eine kleine Expedition mitnehmen.

Aber Vorsicht: Dieser GUTE GEDANKE wird euch Einiges zumuten und auch ein paar Umwege gehen müssen, bevor ich zu einer Antwort auf die Frage komme, die mich befriedigt. Und: worüber Gelehrte ausufernde Essays und lange Monografien geschrieben haben, kann ich in der Kürze eines „GUTEN GEDANKENS“ natürlich nicht umfassend referieren. Aber ich kann Anregungen geben, dem häretischen Imperativ (meiner Freunde der Northumbria Community) zu folgen und unserem Osterglauben ein vielleicht festeres Fundament geben.

Gute Fundamente werden tief gelegt. Darum will ich erst einmal etwas Fundamentales klären:

Unseren Bezug zur Welt und zu den Dingen! Da gibt es nämlich verschiedene Möglichkeiten: Ein sehr verbreiteter und durch unser Wirtschaftssystem gestützter Weltbezug ist utilitaristisch. Dieses komische Wort kommt vom lateinischen uti: gebrauchen, benutzen. Der Sinn, Wert und daher auch unsere Beziehung zur Welt, ihren Digen und sogar den Menschen hängt hier von unserem Nutzen der Dinge (und Menschen) für uns ab: Sind sie hilfreich, förderlich oder zumindest spannend oder emotional irgendwie wertvoll: Super! Sind sie neutral oder schädlich: Weg damit!

Ein Bespiel: Wenn wir sagen: „Ich freue mich an der Natur, weil sie schön ist“, ist das bereits ein utilitaristischer Naturgenuss, denn der Wert der Natur hängt von ihrer ästhetischen Wirkung auf mich und dem damit verbundenen Wohlgefühl ab. Ein zweckfreier Bezug zur Natur wäre dagegen, wenn wir sagen (und empfinden) könnten: „Ich freue mich an der Natur, weil sie einfach da ist – so wie ich.“

Ein völlig reiner, nicht -utilitaristischer Weltbezug ist für uns kaum möglich, denn wir müssen ja leben, wirtschaften, abwägen. Mein Auto bringt mich sicher von A nach B – deswegen kaufe ich es, weil ich es dazu gebrauchen möchte. Anders ist es natürlich bei den Menschen, die mir nahe stehen. Die sollten schon einen Wert nur in sich selbst begründet haben, ohne dass ich sie nach ihrem Nutzen für mich taxiere. Aber kann ich das wirklich und konsequent?

Ich gehe auf diesen Weltbezug so ausführlich ein, weil er von Bedeutung ist für die Deutung des Todes Jesu. Den Bogen schlage ich am Schluss.

Im Neuen Testament gibt es immerhin 13 verschiedene Deutungsangebote, warum Jesus gestorben ist.

Das historisch überzeugendste ist: Weil die Römer ihn gekreuzigt haben. Die Römer wohlgemerkt, nicht etwa die Juden, wie es bereits im Johannesevangelium behauptet wird (Joh. 19,16) und sich seitdem mit all seiner furchtbaren Wirkungsgeschichte von „den Juden“ als den Jesusmördern durch die Geschichte und die Pogrome zieht. Auch ist Pontius Pilatus nicht der zögerliche und irgendwie liebenswerte Statthalter aus dem Johannesevangelium, der sich letztlich nur dem Druck „der Juden“ beugt. Historische zeitgenössische Quellen (Tacitus, Flavius Josephus und v.a. Philon von Alexandria und Sueton) beschreiben Pilatus als einen korrupten, sturen und grausamen Beamten, der für zahlreiche Hinrichtungen ohne Urteil verantwortlich war und deswegen schließlich aus Palästina abberufen wurde – leider nach Jesu Hinrichtung.

Aber das ist natürlich einfach sinnlos. Es war eine zu große Zumutung für die Freunde Jesu, seinen Tod als Gewaltverbrechen der herrschenden imperialen Macht abzuhaken. Die älteste Deutung von Jesu Tod war, dass es so geschehen musste. Das griechische „dei“  („so musste es sein“) impliziert einen göttlichen, wenn auch nicht ganz nachvollziehbaren Plan. In der Emmaus Geschichte (sehr lesenswert: Lk .24, 13 – 35) sagt der Auferstandene bereits am Ostersonntag den trauernden und verzweifelten Jüngern auf dem Weg: „MUSSTE nicht Christus solches erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?“

Der nächste Schritt war, dass dieses „Musste“ durch ein „für uns“ ergänzt wurde. „Hyper hämon“ (= für uns) ist die urchristliche Deutung von Jesu Tod. Er war kein Zufall, sondern eben gewollt und zwar für uns. Jesus selbst war sich wohl zu Lebzeiten durchaus bewusst, dass seine provokative Predigt und Lebensweise (Tempelreinigung, öffentlich dargestelltes intimes Verhältnis zu seinem Gott und die politischen Implikationen seiner messianischen Sendung) ihn in einen lebensgefährlichen Konflikt mit den jüdischen Autoritäten und der römischen Besatzungsmacht bringen musste und er hat dies sehenden Auges in Kauf genommen.

Erst in der Lesart des Apostels Paulus kommt die Verschränkung dieses „für uns“ mit „für unsere Sünden“(1. Kor 15,3) bzw. „als wir noch Sünder waren“ (Röm 5.8.) als Deutung ins Spiel. Um es noch komplizierter zu machen: Paulus verwendet zwei unterschiedliche Traditionslinien, die zum einen mit dem jüdischen Sühnopferritual verbunden sind (griech: hilasterion s. Röm 3,25), zum anderen einen Begriff aus der griechischen Diplomatie zur Befriedung zweier Kriegsparteien verwendet (griech: katallagäs: 2. Kor 5,20).

Trotz dieser verwirrenden und unterschiedlichen Argumentationslinien soll klar werden: Jesu Tod war nicht umsonst und schon gleich gar kein Zufall, sondern soll zum Frieden der Menschen untereinander und mit Gott dienen.

Leider können wir heute als Christen (oder Nicht-mehr-Christen) des 21. Jahrhunderts diese Botschaft kaum hören, ohne eine mittelalterliche Stimme sofort mitzudenken, die sich wie ein lautes Gebrüll in die Deutung von Jesu Tod wirft: Anselm von Canterbury hat um 1100 in seiner Schrift „Cur deus homo“ (Warum Gott Mensch wurde) einen für seine Zeitgenossen schlagenden Beweis geliefert, warum Jesus sterben musste und dieser „Beweis“ wurde als „Satisfaktionstheorie“ zur Sternstunde der mittelalterlichen Theologie. Anselm überzeugte so viele germanisch stämmige Europäer und wurde ein Star– das Ganze fast 900 Jahre vor den Rolling Stones! Gott ist durch die Sünde des Menschen unendlich in seiner Ehre verletzt (Die Ehre war DAS zentrale Motive eines gelingenden Lebens für einen heldenhaften Germanen). Für die Wiederherstellung dieser Ehre (Satisfaktion) kann nur ein perfektes Opfer stehen, das ein Mensch aber wegen seiner Sündhaftigkeit nicht erbringen kann. Einzige verbleibende Chance: Gott MUSS – in Gestalt des Gottessohnes – sich dieses perfekte Opfer selbst darbringen.

Obwohl das wohl kaum jemand heute noch so glauben würde, schwingt diese Interpretation für uns immer mit, wenn wir hören: „Jesus ist für unsere Sünden gestorben“, egal ob wir je von Anselm gehört haben oder nicht. Fromme Christen fühlen sich dabei verstanden (und haben dazu genügend entsprechende Lieder gesungen), zweifelnde Christen zucken verlegen die Achseln und Postchristen winken gelangweilt (oder frustriert oder …) ab.

Was also sollen wir glauben?

Zuerst einmal könnten wir die Grundaussage historisch so einordnen:

„Jesus ist gestorben“ ist die am besten historisch dokumentierte Aussage über das Leben Jesu – und zwar auch von nichtchristlichen Quellen.

„Jesus ist für uns gestorben“ ist DIE frühchristliche Deutung von Jesu Tod, die noch offen lässt, worin dieses „für uns“ besteht, aber einen ersten Sinn in seinem Tod sieht.

„Jesus ist für uns und unsere Sünden gestorben“ ist die paulinische Kernbotschaft vom Kreuz, die auf eine Versöhnung zwischen Gott und Mensch und Mensch und Mensch zielt.

Und jetzt kommt mein Bogen zum Anfang:

Wenn unser Bezug zur Welt und den Menschen so oft von einem Kosten-Nutzen Kalkül (also einem utilitaristischem Grundverhältnis) geprägt ist, kann keine echte Verbundenheit entstehen, weil wir Welt und Menschen nicht als echtes Gegenüber sehen, sondern nur als Mittel zum Zweck (unserer Selbsterfüllung). Nicht verbunden zu sein heißt „Sünde“ – das Wort kommt vom altdeutschen Sund =Trennung. In Sünde (Singular!) zu sein bedeutet nicht zuerst, einzelne moralische Verfehlungen begangen zu haben, sondern eben: Keine Verbindung zu haben – zum Leben, zu uns selbst, zu unseren Mitmenschen, zu Gott.

Dagegen bedeutet Jesus, sein Leben, seine Botschaft, sein Leiden und Sterben und – für Glaubende – sein Auferstehen DEN Gegenentwurf zu diesem vereinnahmenden Weltbezug. Jesus lebt ein ganzes Leben ohne andere zu benutzen und ist im Einklang mit sich selbst, mit Gott, seinen Freunden und sogar mit seinen Feinden („Vater vergib ihnen“). Er ist das Urbild (Archetypus) der Verbundenheit. In der Konsequenz bezahlt er dafür mit seinem Leben, aber eben diese Hingabe wird für viele zum Schlüssel für ein erfülltes und erfüllendes Leben.

Ob Jesus das auch so gesehen haben könnte, weiß ich nicht. Aber diese Deutung hilft HEUTE MIR, das Geschehen um Jesu Tod für mich als Mensch des 21 Jahrhunderts und Kind meiner Zeit als sinnerfüllt zu begreifen und für mich fruchtbar werden zu lassen. In seiner Nachfolge will ich meine Beziehungen liebevoll und selbstkritisch neu auszurichten – nicht zuletzt auch meine Beziehung zur Schöpfung, die sich ebenso wie ich danach sehnt, erlöst zu sein. Und das bedeutet:

Einfach zu sein und nicht um nur benutzt zu werden oder zu benutzen.

Oder um es mit dem genialen Albert Schweizer zu sagen:

„Ich bin Leben, das leben will inmitten von Leben, das leben will!“

Könnte Jesu Weg mir den Weg dorthin zeigen?

Antworte auf den Kommentar von Annemarie