Sei frech und wild und wunderbar!

Gedanken von Annemarie Ritter

Vor wenigen Tagen habe ich eine Naturerfahrungsübung ausprobiert. Die Aufgabe bestand darin, in der Natur ein Wesen zu finden, in dem ich mich widerspiegle. Bevor ich mich auf den Weg mache, sitze ich auf einer Wiese in der Sonne – um mich herum leuchtender Löwenzahn und wilde Bienen, über mir tief blauer Himmel. Ich fühle mich leicht und entspannt, lasse meinen Atem kommen und gehen und meinen Blick in die Weite schweifen.

Plötzlich zucke ich zusammen: Ein großer schwarzer Hund springt auf mich zu, bellend und mit dem Schwanz wedelnd. Ich erkenne ihn: Er heißt Roko und wohnt in der Nachbarschaft. „Normalerweise“ ist Roko sehr folgsam und gut erzogen. Doch es steckt ganz viel Kraft, Wildheit und Lebendigkeit in ihm. Ich erinnere mich daran, wie er noch ganz jung und kaum zu bändigen war.

Die „Urangst“ vor Wölfen ist mir nicht fremd. Vor Roko jedoch habe ich keine Angst. Im Gegenteil: Mein Herz jubelt mit ihm über diesen Moment, wo er wohl gerade von der Leine losgelassen worden ist, über die Wiese auf mich zu stürmt und kurz vor mir „abdreht“. Sein schwarzes Fell glänzt in der Sonne – wunderschön!

Frauchen entschuldigt sich. Aber das ist echt nicht nötig. Mich durchflutet spontan das Gefühl: Roko grüßt die Wölfin in mir. Ich bin ihm so dankbar dafür. Mein Herz hüpft vor Freude; ich fühle mich mädchenhaft jung, „wild“ und frei.

Vor Jahren habe ich eine Postkarte entdeckt und in meinem Zimmer aufgehängt. Ein Mädchen mit schwarzen Pippi-Langstrumpf-Zöpfen und schwarz gesprenkelten Wangen ist darauf zu sehen, dazu der Spruch: „Lass dich nicht unterkriegen. Sei frech und wild und wunderbar!“

Ungefähr so ist mein Lebensgefühl, als ich losgehe, in den Wald hinein. Mein Wesen habe ich ja schon gefunden. Oder genauer gesagt: Es hat mich gefunden. Ich atme das Gefühl in mich hinein und durch mich hindurch; spüre der „Wölfin“ in mir nach. Etwas in mir ist weicher geworden, weniger starr, durchlässiger. Ich spüre Weite, Freiheit und Kraft. Und ich staune und freue mich über die wundervollen „Fäden“ der Verbundenheit.

Sei gesegnet mit Wildheit und Mut,
mit Neugier und Freude über alles, was zu dir spricht,
im Wissen, dass du wandelst in Gottes leuchtender Gegenwart.
Amen.

Andy Lang

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