Warum Zweifeln zum Glauben gehört
Gedanken nach Ostern von Andy Lang
„Wers glaubt, wird selig“ ist nicht nur ein Spruch aus der Volksweisheit, sondern auch der Titel eines kongenialen Films von Marcus Rosenmüller. Mit bajuwarischer Schlitzohrigkeit wird darin in einem ehemaligen Skidorf im Oberland, dem förmlich die Urlauber wegschmelzen wegen des Klimawandels, ein Auferstehungswunder inszeniert, um mit frommen Pilgern die wirtschaftliche Zukunft des Örtchens zu sichern.
Natürlich ist der Zweifel an der Echtheit des „Wunders“ am Ende größer als die Gutgläubigkeit und der Schwindel fliegt auf. Gut für die Wahrheit, schlecht für die Ökonomie.
Bei uns ist es in diesen Zeiten eher anders herum: Die Wahrheit wird gedreht, gebogen und gafakt, um knallharte wirtschaftliche Interessen durchzusetzen oder politische Mehrheiten zu organisieren. Unvergessen die dreiste Lüge, mit der Boris Johnson wochenlang mit seinem knallroten Brexitbus durch Großbritannien zog, auf dem in riesigen Lettern stand: „350 Millionen wöchentlich für unser Gesundheitssystem“ – gemeint war, anstelle der angeblichen 350 Millionen pro Woche für die EU sollte das Königreich diese ungeheure Summe lieber in das kaputte Gesundheitswesen stecken. Die Wahrheit an diesem Spruch war lediglich, dass das britische NHS abgewirtschaftet war, aber sowohl die Zahl, als auch der Zusammenhang waren eben dies: eine komplette Lüge, die in vollstem Bewusstsein zelebriert wurde. Denn es hatte sich herumgesprochen, dass man Wahlen eher mit dreisten Behauptungen als mit soliden Fakten gewinnt. Donald Trump nennt das: „flooding the zone with shit.“ Wenn man Absurdes nur lange genug wiederholt, glauben es die Menschen. Im Fall des Brexit waren die Lügenbarone erfolgreich.
Was im gesellschaftlichen und politischem Kontext uns in diesen Zeiten sehr gut zu Gesicht steht: Kritisches Hinterfragen und Fakten checken – ist auch in Glaubensdingen hilfreich, wenn wir überzeugend, selbstbewusst und v.a. nicht oberflächlich glauben wollen.
Aber was ist denn eigentlich Glauben? Für mich ist es weitaus mehr als ein Für Wahr Halten von irgendwelchen Inhalten, Dogmen und frommen Aussagen oder ein Abhaken der Sätze aus unserem Credo. Glauben ist vielmehr eine Haltung zum Leben, die von Ostern herkommt. Sie lebt aus der Gewissheit, dass wir gehalten und getragen sind, auch wenn das Leben handfeste Zumutungen und am Ende sogar den Tod für uns vorsieht.
Diese Gewissheit kann man niemandem vorschreiben oder als Glaubensaussage befehlen. Es ist eher eine Bewegung des Herzens, die gespeist wird aus solchen Erfahrungen: Ich fühle mich angenommen und gesehen. Ich spüre, dass ich geliebt werde. Ich kann selbst lieben und anderen Geborgenheit und Zuwendung schenken. Ich muss nicht alles wissen, aber ich darf viel erhoffen. So eine Haltung entsteht, wenn Ostern kein historisches Ereignis von vor 2000 Jahren für mich ist, sondern eine existentielle Selbsterfahrung, weil ich merke, dass die Kräfte des Lebens und der Verbundenheit in mir und um mich herum stärker sind als die Mächte des Todes und der Entzweiung.
„Wie sollen wir denn leben“ fragten sich vor knapp 40 Jahren einige mutige Christen in Nordengland. Sie wollten Salz und Licht sein in einem völlig säkularisierten und vom Neoliberalismus der Thatcher Jahre geprägten Land. Aus dieser Frage und der Sehnsucht, die dahinter steht, entstand eine weltweite Bewegung mit heute mehreren Tausend Freunden, die Northumbria Community. Wie jede Kommunität gaben die Gründerväter und -mütter sich eine Regel, sozusagen eine Anleitung zum Glauben und miteinander leben.
Das überraschende in dieser Regel ist der „häretische Imperativ“: Wir sind als Christen aufgefordert, immer wieder neu den Status Quo und seine Konventionen zu hinterfragen auf ihre Tragfähigkeit und Überzeugungskraft. Nur so können wir den Glauben lebendig halten. Nur so können wir echt in Beziehung treten, denn Beziehungen sind wichtiger als Meinungen! Nur wenn wir offen unter Ungläubigen und anderen Gläubigen leben, vermeiden wir eine christliche Getto Mentalität, die uns und Kirche letztlich in die Bedeutungslosigkeit führen würde.
Diese Haltung hat sogar einen biblischen Paten: Den ungläubigen Thomas! Er wollte die Wundmale Jesu spüren, bevor er glauben konnte, dass der Auferstandene „echt“ ist (Joh. 20,25). Damit ist Thomas wohl der modernste unter den Aposteln, denn auch uns heute überzeugt eigene Erfahrung mehr als ein bloßes „Fürwahrhalten“.
Aber wie kommen wir zu dieser Erfahrung?
Indem wir sehen, riechen, schmecken, atmen, fühlen, spüren. Indem wir uns hingeben ans Leben, an die Liebe, die Welt, die Natur und natürlich an die Menschen, die uns anvertraut sind. Indem wir genau in dieser Hingabe in Jesu Fußspuren gehen und uns von ihm einladen lassen zum Fest: „Seht und schmeckt, wie freundlich der HERR ist!“
Spätestens mit dieser Einladung wird klar, dass Glauben keine blutleere intellektuelle Veranstaltung ist, sondern pralles Leben, mit allem, was dazu gehört. Und ja, auch mit dem Zweifel. Er ist es, der uns in die Tiefe führen kann.