Wie wollen wir miteinander reden?

Der Gute Gedanke zur Kommunalwahl 2026

Mein Sohn Arthur wohnt seit gut einem Jahr in seiner Studentenbude in Würzburg. An seinem Briefkasten hat er einen Vermerk mit „Bitte keine Werbung“ angebracht. Vor einigen Tagen rief er mich recht begeistert an und erzählte folgendes: „Wieder einmal hatte mir jemand Wahlwerbung trotz des Hinweises auf meinem Briefkasten reingeworfen. Es war der Würzburger VOLT Kandidat. Auf dem Wahlzettel stand eine Email, also habe ich ihm geschrieben, dass es schön wäre, wenn man auf meinen Wunsch Rücksicht nehmen würde. Eigentlich war ich ziemlich genervt, aber ich hab mich ganz höflich ausgedrückt, das ganze weggeschickt und dann vergessen. Einige Tage später bekam ich eine ausführliche und sehr nette mail zurück. Der Kandidat entschuldigte sich bei mir und erklärte, dass er allein 20.000 Wahlzettel ausgetragen hatte und dann wohl zu müde war, um meine Ansage zu sehen. Er könne verstehen, wenn das genervt hätte und fand es darum um so beeindruckender, wie höflich ich ihm geschrieben hatte. Denn das sei ihm total wichtig: Der respektvolle Umgang miteinander. Ich habe mich über seine zuvorkommende und verständnisvolle Email echt gefreut und hab ihm das dann auch noch mal geschrieben.“

Eigentlich ist das ein banaler Vorgang: Jemand macht eine Kleinigkeit falsch, wird höflich darauf hingewiesen, entschuldigt sich und alles ist gut.

Nur ist leider nicht mehr alles gut. Wir leben in einer Zeit der EMPÖRUNG. Wegen einer Kleinigkeit schießen viele schnell hoch, in den (a-)sozialen Medien feiert digitales Mobbing solche Gewaltorgien, dass immer mehr Schulkinder depressiv werden, im Nahverkehr wird ein Zugbegleiter bei einer Fahrkartenkontrolle erschlagen und in der Politik wird der Gegner diffamiert und mit Falschaussagen diskreditiert – leider nicht nur von Parteien am rechten Rand, sondern auch von solchen in der Fast – Mitte. Unvergessen bleibt für mich Hubert Aiwangers Wutausbruch bei seiner Anti Heizungsgesetz Rede in Erding, die in der Fäkalattacke gipfelte: „Haben die da oben in Berlin denn den Arsch offen? Jetzt ist der Punkt erreicht, wo endlich die schweigende große Mehrheit dieses Landes sich die Demokratie wieder zurückholen muss.“

Die Stimmung ist aufgeheizt, die Lunte kurz und die allgemeinen Regeln des Anstands und der Höflichkeit scheinbar old school.

Als der große Widerstandskämpfer und EU Held Stéphane Hessel im Alter von 93 Jahren  2010 seinen Bestseller „Empört Euch“ geschrieben hatte, um in der Finanzkrise gegen den absurd gewordenen Finanzmarktkapitalismus und für den Frieden Position zu beziehen und uns alle aufforderte, das Gleiche zu tun, hatte er eine ganz andere Art der EMPÖRUNG im Sinn. Ihm ging es um leidenschaftliches Engagement für Gerechtigkeit und Teilhabe, zwei wesentliche Säulen jeder Demokratie. Und obwohl sein Büchlein (es hat nur 14 Seiten und lohnt sich zu lesen) in nur 4 Monaten über eine Million Mal verkauft war und scheinbar den Nerv der Zeit getroffen hatte, verpuffte die gerechte Empörung über die skandalöse „Lösung“ der Bankenkrise mit noch mehr Reichtum für Banker und Reiche und noch mehr Schulden für Volkswirtschaften und ihre Bürger. Die Schere ging weiter auf, aber niemand schien das als großes Problem zu sehen.

Stattdessen richtete sich die Wut nicht auf „die da oben“ (so Aiwanger, selber einer der oberen Zehntausend), sondern auf „die da unten“: Bürgergeldempfänger („faul und unkoopertativ“), Migranten („illegal und kriminell“) und Queere („woke und zersetzend“) oder einfach jeden, der eine andere Meinung hat.

Dabei könnten wir auch anders: Der niederländische Soziologe Rutger Bregman beschreibt in seinem Weltbestseller „Im Grunde gut“ eine völlig andere und hoffnungsvolle Sicht auf den Menschen. Er definiert ihn im Gegensatz zu den Tieren nicht aufgrund seines Intellekts als homo sapiens („Ich denke, also bin ich“), sondern als homo Puppy, das freundliche und kooperative Wesen („Ich helfe, also bin ich“), das genau deswegen seinen steilen Aufstieg in der Evolutionsgeschichte machte: Weil es freundlich, zugewandt und hilfreich sein konnte.

Bregmans revolutionäre Sicht auf den Menschen macht Schluss mit dem jahrhundertelangen Selbst Bashing: „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend an“ (Gen 8,21) bis hin zu „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“ von Thomas Hobbes, der den Krieg aller gegen alle beschwor, weil der Naturzustand des Menschen grausam und rücksichtslos sei.

Wenn wir im Gegensatz zur allgemeinen Überzeugung und auch im Widerspruch zu den oben genannten Auswüchsen der allgemeinen Empörungs- Unkultur an das grundsätzlich Freundliche in uns glauben, an einen unzerstörbaren Kern der Zugewandtheit und Hilfsbereitschaft, dann könnten wir wieder anders miteinander reden: Mit Wertschätzung, Achtsamkeit, Bereitschaft zum Zuhören und wenn nötig einem höflichen und respektvollen Widerspruch.

Wir könnten andere Meinungen stehen lassen, weil wir selbst unangefochten sind. Wir müssten nicht jede Unausgegorenheit persönlich nehmen. Wir könnten dem Frieden dienen und unserer Gemeinschaft einen großen Dienst erweisen. Und das ganz ohne politisches Mandat, sondern einfach nur, weil wir Mensch sind.

Wer weiß, was dann alles Gutes entstehen kann, selbst aus anfangs eigenartigen oder unangenehmen Situationen.

Arthur hat angekündigt, dass er sich mit dem Volt Kandidaten vielleicht demnächst sogar mal treffen wird.

https://de.wikipedia.org/wiki/Im_Grunde_gut

Euer Andy

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