Unser Leben nach Corona – eine Ermutigung für eine Zukunft in Gemeinschaft von Andy Lang

Während aktuell Regierungen, Virologen und Volkswirtschaftler mit aller Kraft versuchen, die brisanten Auswirkungen einer noch nie dagewesenen Pandemie einzudämmen, denken überall auf der Welt Philosophen, Theologen, Autoren, Dichter und andere gebildete Menschen mit ihren intellektuellen und emotionalen Gaben über unser Leben nach der Krise nach, denn eines scheint fest zu stehen: Ein „Weiter so!“ kann und darf es nicht geben. Dieses Nachdenken ist essentiell, denn es lässt uns in einer noch nie dagewesenen Krise essentielle Fragen für das Überleben der Menschen im Kontext noch größerer Krisen stellen und macht die Dringlichkeit des Handelns jetzt nicht mehr diskutabel.

Könnte es sein, dass unsere gegenwärtige Krise kein Feind, sondern ein großer Helfer ist? Dass wir zwar das Virus erforschen, eindämmen und eingedenk all der Kranken bekämpfen müssen, dass aber der sekundäre Krankheitsgewinn vielleicht unermesslich größer ist als das, was wir verlieren werden – abgesehen von den Menschenleben, die man in keine Waagschale werfen darf?

Fest scheint zu stehen: Nach Corona wird Vieles anders sein. Wir leben in historischen Zeiten und die Herausforderung ist nicht einfach nur eine Krise, die mit den bewährten Mitteln abgemildert wird, sondern es ist eine Tiefenkrise: Eine Einladung mit Nachdruck umzudenken, alte ausgetretene Wege zu verlassen und nachhaltig kreative und soziale neue Strukturen zu schaffen. Dieser Umbruch wird geschehen, aber er wird effizienter und schneller vonstatten gehen, wenn viele von uns über die Brisanz, aber auch unsere Handlungsoptionen bescheid wissen. Die Welt, wie wir sie kennen, wird so nicht mehr sein – und wir können Teil der Transformation werden.

Wie bei der frühkindlichen Entwicklung handelt es sich bei der Bewältigung einer Tiefenkrise um einen irreversiblen Entwicklungsschritt: Wir können nicht mehr hinter die gemachte Erfahrung zurückfallen.

Wie nach einem Krieg werden wir unser Zusammenleben neu aufbauen müssen. Das kann nur gemeinsam und solidarisch geschehen. Wer Lasten tragen kann, wird sie tragen müssen um denen zu helfen, die es nicht können. Besitzstandswahrung kann nicht das Gebot der Stunde sein. Unsere Gesellschaft muss sich weiterentwickeln hin zu einer größeren Wertschätzung füreinander, oder sie wird nicht mehr sein. Schon jetzt sehen wir, welch großen Beitrag Krankenschwestern, Erzieherinnen und Pfleger leisten, aber auch Kassiererinnen, LKWfahrer, Polizistinnen. Wer sich jetzt über ihre systemtragende Leistung freut, wird ihnen in der Zukunft eine faire Entlohnung zustehen.

Das Coronageschehen erscheint wie ein Menetekel vor dem Hintergrund der drohenden Klimakatastrophe: Was für die einen vielleicht nach Dystopie und Apokalypse klingt, könnte für die anderen der Traum sein, den wir aus eigenen Kräften bisher nicht verwirklichen konnten. Hunderttausende von jungen Menschen träumten 2019 diesen Traum und gingen für ihn auf die Straße und ja, fingen bei sich selbst an und änderten ihr Leben. Unterstützt von der Analyse Tausender Wissenschaftler zum Klimawandel gaben Sie mit lauter Stimme ihrer Furcht Ausdruck, dass für sie und ihre Kinder die Erde kein Lebensraum mehr sein könnte – und sie fanden Gehör bei den Politisch Mächtigen bis zur Uno und zum Weltwirtschaftsgipfel – allein: es folgten keine angemessenen Taten. Millionen ausgebeuteter Arbeiter sehnen sich nach einer anderen Zukunft. Unser Planet selbst hat Fieber.

Was aber unterscheidet die gegenwärtige Krise von den herausfordernden Zuspitzungen im letzten Jahrzehnt und lässt uns hoffen, dass wir als Menschen in evolutionärer Geschwindigkeit sowohl uns individuell als auch als Gesellschaften an die neue Situation anpassen und damit zukunftsfähig handeln werden?

Bei der Flüchtlingskrise fehlte uns der Moment der persönlichen Betroffenheit. Das Leid war das Leid der anderen, zumal es von den meisten Menschen nur medial vermittelt wahrgenommen wurde und die wenigsten von uns konkrete Menschen auf der Flucht kennenlernten und aus ihren persönlich erzählten Geschichten lernen konnten.

Die Bilder von ertrunkenen Menschen im Mittelmeer waren furchtbar und dennoch blieben sie distanziert: Wir verbanden sie nicht mit unserem eigenen Leben.

Bei der Finanzkrise gab es zwar für Viele eine unmittelbare Betroffenheit, aber was sollten wir schon individuell machen? Die Probleme wurden auf höherer Ebene „gelöst“ und es ging v.a. um die internationale Rettung des (Banken-) Systems. Wir nahmen das Handeln der Verantwortlichen hin und hofften, dass es irgendwie wieder weiterginge.

Die größte Krise unserer Zeit, der menschengemachte Klimawandel, betrifft uns zwar alle, aber eben doch in unterschiedlich dramatischen Ausmaßen und in verschiedenen Zeitabläufen:

Erst die letzten beiden unverhältnismäßig heißen und trockenen Sommer in Deutschland brachten hierzulande einer größeren Öffentlichkeit die Dringlichkeit der Lage nahe. Dennoch sorgten populistische Bewegungen und Millionen von Trollen und Fake News dafür, dass Bürger sich in scheinbarer Sicherheit wiegen konnten und alles bestimmt nicht so schlimm werde. Die komplexen Zusammenhänge überstiegen oft das Vorstellungsvermögen der Leute, zumal die Entwicklung der Krise ja dröge vor sich hindümpelt und die schlimmsten Effekte erst in einer ungewissen Zukunft zu erwarten sind. Daher waren es v.a. die jungen, informierten Leute, die einen Systemwandel anmahnten, während ältere, saturierte Schichten sich bequem zurücklehnten. Eine Studentin brachte es im Blick auf Corona auf den Punkt: „’Corona ist mir egal, ich bin jung und werde es überleben’  ist die Schwester von ‚Ich bin alt und der Klimawandel wird mich nicht mehr betreffen`“.

Mit der Coronakrise ist alles anders und das individuelle Verhalten in der Krise erhält eine komplett andere Dringlichkeit:

  • es geht um uns persönlich, jeder kann betroffen sein und jeder Betroffene hat ein Gesicht!
  • Wir selbst können handeln und die richtigen Entscheidungen treffen, um uns und unsere Lieben zu schützen.
  • Die Krise ist jetzt und sie läßt sich nicht leugnen oder kleinreden, auch wenn das populistisch Regierende wie z.B. Donald Trump zunächst versuchten.

Die Krise ist also persönlich, handlungsrelevant für den Einzelnen und aktuell. Aus dieser Trias schließe ich:

Es gibt Hoffnung. Was all den Menschen guten Willens nicht gelang, erledigt jetzt ein winziges Virus: Die Welt steht einen Moment lang still. Produktionsprozesse sind unterbrochen, der Flugverkehr fast lahmgelegt, Kreuzfahrten abgesagt, der internationale Warentransport minimiert, Lieferketten eingebrochen. Luftbilder über Wuhan, dem Epizentrum der Krise, zeigen klare Luft, wo sonst nur Wolken von Industrieabgasen zu sehen waren. Diese kurze Verschnaufpause für die Erde kann eine überlebenswichtige Denkpause für uns Menschen werden. Wie wollen wir leben? Und was können wir ändern?

Vor 2000 Jahren hatte der Apostel Paulus einen kühnen Traum – er klingt sehr aktuell:

„Ich bin überzeugt, dass die Leiden dieser Zeit nicht ins Gewicht fallen werden gegenüber der Schönheit (doxa), die an uns offenbar werden soll. Denn das ängstliche Sehnen der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden.

Denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes“ (Römerbrief 8, 18.19.21)

In anderen Worten: Wir gehen jetzt durch ungewisse und schwere Zeiten. Viele von uns werden Vieles verlieren: Sicherheiten, Einkommen, gewohnte Abläufe, Normalität, kleinen und großen Luxus. Aber wenn wir in z.B. einem Jahr zurückblicken, werden wir sehen, was wir alles gewonnen haben – und wir werden sagen: „Es musste so sein!“ Vielleicht sogar: „Wie gut, dass es so kam!“

Und wenn wir dann solidarischer, nachhaltiger, entspannter und angstfreier miteinander umgehen, werden wir ahnen: So könnte unser Zusammensein viel besser, liebevoller und schöner sein: Gemeinschaft statt Gewinn, Gastfreundschaft statt Ausschluss, Demut statt Durchsetzungswillen, Freundlichkeit statt Ungleichheit, lustvoller Verzicht statt Konsumwahn, Bereitschaft zur Verletzlichkeit und damit Schönheit statt Egotrips und Selbstherrlichkeit. Könnten so diese Kinder Gottes aussehen, von denen Paulus träumt? Könnten wir das sein?

Wir sind es bereits!

Überall da, wo Menschen sich wahrnehmen in dem, was sie geben und teilen können, überall dort, wo den Schwachen geholfen wird, überall, wo Menschen singen statt klagen und v.a. dort, wo wir merken: Wir sind alle eins!  Oder um es noch einmal mit Paulus und seinem Loblied auf den Leib zu sagen: „Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit“. (1. Korintherbrief 12,26)

Es ist diesen Wissen von unser Verbundenheit und gegenseitigen Abhängigkeit, das uns jetzt retten kann! Geiz ist nicht geil, sondern peinlich. Gier ist kein probates Mittel zum ökonomischen Handeln, sondern der Urgrund aller Destruktivität und Ungerechtigkeit. Abschottung und nationalistisches Denken ist von gestern, Solidarität und gegenseitige Wertschätzung ist die Tugend von heute. Es hat sich bereits herumgesprochen: Beziehungsqualität wird die neue Währung der Zukunft sein. Der Mammon ist gestürzt und als das entlarvt, was er schon immer war: Ein Götze!

Natürlich haben wir auch Angst. Es wäre vermessen, dies zu leugnen. Alte Sicherheiten (die nur eingebildet waren) bröckeln. Wie lange können wir uns diesen „Schlendrian“ leisten? Wie können wir unsere Verpflichtungen erfüllen? Was werden wir aufgeben müssen? Wann kommen wir zurück zur Normalität?

Meine persönliche Antwort: Nie mehr. Die alte Welt ist vergangen. Das Neue ist noch nicht da, aber es formt sich bereits, unsichtbar, vernetzt, systemintelligent. In dieser Zwischenzeit müssen wir lernen, zu vertrauen und die Kräfte unserer Herzen und Köpfe zu verbinden. Jetzt ist die Traumzeit, die Visionssuche, die große Stille, aus der Neues entstehen kann.

Alle alten, indigenen Völker wußten es: Es muss solche Zeiten geben, damit die Gemeinschaft überleben kann in sich wandelnden Zeiten. Nichts bleibt immer wie es ist. Daher müssen wir uns selbst wandeln, oder vergehen.

Lasst uns gemeinsam träumen und gemeinsam hoffen: Auf eine neue Welt, in der Vieles anders sein wird! Wir werden anders sein:

Wir werden demütiger sein und kleinere Brötchen backen;

Wir werden fröhlicher werden und uns mehr um unsere Beziehungen kümmern;

Wir werden relevanter handeln und sinn- statt konsumstiftende Entscheidungen treffen;

Wir werden naturliebender sein und uns ressourcenschonender verhalten;

Wir werden menschenfreundlicher werden und generationsgerechter handeln;

Kurz: Wir werden liebevoller leben und deswegen überleben.

Unsere Welt wird eine Welt des Seins und nicht mehr eine Welt des Habens!

Beginnen wir, in ihr zu leben!

Andy Lang

PS: In neun Strophen denke ich in den nächsten Wochen weiter, was aus dieser Vision und Hoffnung konkret folgt.

Die Überschriften heißen:

  1. Die richtigen Fragen stellen statt altbewährte Antworten bemühen
  2. Alles ist im Wandel statt Immer weiter so
  3. Von der Schöpfung lernen statt Erde ausbeuten
  4. Gemeinschaft leben statt Egotrip
  5. Verzicht macht Spaß, Konsum höhlt aus.
  6. Staunen statt Rennen
  7. Verletzlich sein statt dem Recht des Stärkeren zu huldigen
  8. Wertschätzen statt spalten
  9. Gott wohnt in uns statt „homo deus“

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